"Nicht mehr arbeiten
als unsere Eltern!"
Schülerstreik der Oberstufe
Q11 an Gymnasien in Bayern.
Bis zu 38 Stunden gehen Gymnasiasten in die Schule. Nun gingen sie auf die Straße.
Am Freitag den 12. Februar gingen in ganz Bayern mehrere tausend Schüler auf die Straße, um gegen die Belastungen in der neuen gymnasialen Oberstufe zu demonstrieren. Zentrum der Demonstrationen war die Landeshauptstadt München , wo etwa 1500 Schülerinnen und Schüler am Odeonsplatz ihrem Unmut Luft machten. Aber auch in Augsburg, Kempten, Bayreuth, Würzburg und Bamberg protestierten Schülerinnen und Schüler.
Über ein halbes Jahrzehnt wäre nun eigentlich Zeit gewesen, die Veränderungen des achtjährigen Gymnasiums umzusetzen. In der neuen Oberstufe Q11 wurden die früheren Leistungskurse abgeschafft, stattdessen muss das Abitur nun schriftlich in Deutsch, Mathematik und einer modernen Fremdsprache, sowie in zwei weiteren Fächern mündlich abgelegt werden.
Neu geschaffen wurden die sogenannten P- und W-Seminare. "P" steht für Projekt, das heißt, die Schüler arbeiten über die Dauer der Oberstufe hinweg an einem Projekt, zum Beispiel an einer Radiosendung oder dem Entwurf eines Energiesparhauses. Zudem will eine gezielte Studien- und Berufsorientierung die Schüler bei Entscheidungen für ihre berufliche Zukunft unterstützen.
„Bis elf Uhr nachts am Schreibtisch“
Diese Neuerungen sollten dafür sorgen, dass die Jugendlichen die Schule mit einer breiteren Allgemeinbildung und höheren Studierfähigkeit verlassen. Derzeit sieht das Bild an den Gymnasien aber anders aus. Schüler und Eltern beklagen sich über die hohe Stundenzahl, zu viel Nachmittagsunterricht und überfrachtete Lehrpläne.
„Die positiven Neuerungen wie Intensivierungsstunden und Seminare gehen völlig unter“, so Ulrike Köllner, Vorsitzende des Vereins „Gymnasialeltern Bayern“. Sie schildert ihre Erfahrungen im letzten halben Jahr: „Die Kinder sitzen zum Teil bis elf Uhr nachts am Schreibtisch. Für Aktivitäten wie Musik oder Sport bleibt da keine Zeit mehr. Manche sind so erschöpft, dass sie nicht einmal mehr die Kraft haben, sich am Wochenende mit Freunden zu treffen.“
„Je nach Kurswahl kommen manche auf bis zu 38 Stunden Unterricht in der Woche“, sagt die Mitorganisatorin des Streiks Julia Biermaier und fordert für sich und ihre Mitschüler: „Wir wollen einfach nicht nur noch lernen. Das Menschliche bleibt total auf der Strecke. Manche haben vier Mal pro Woche Unterricht am Nachmittag und an unserer Schule gibt es nicht einmal ein warmes Mittagessen.“
„Konsequente Prozessteuerung“
Auch im Kultusministerium sieht man den Nachbesserungsbedarf. Kultusminister Ludwig Spänle will die Oberstufenschüler mit einer „konsequenten Prozesssteuerung intensiv begleiten“, ein Maßnahmenpaket soll für Verbesserung sorgen. Zum Beispiel gestattet das Kultusministerium nun zum Halbjahr das Ab- und Umwählen von Kursen, die freiwillig belegt wurden. Dann müssen aber meistens Chor, Orchester oder Konversationskurs daran glauben – Kurse, die Abwechslung vom dicht gepackten Lehrplan schaffen würden.
Gleichzeitig erweckt die Einstellungspolitik des Ministeriums nicht den Anschein, dass man in Zukunft auf mehr Lehrer und damit auch kleinere Klassen hoffen könnte. Junge Referendare müssen in ihrer Ausbildung immer mehr eigenverantwortlich unterrichten und das Rentenalter soll nun auch für Lehrer auf 67 Jahre angehoben werden. Anzeichen einer umfassenden Sparpolitik am hochgelobten Bildungsstandort Bayern.
„Ein Schulstreik ist kein Arbeitskampf“
Viele machen sich auch Sorgen ob des Niveaus der zukünftigen Abiturprüfungen, denn das Kultusministerium hat noch keine Beispielaufgaben vorgelegt. Der Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbands Max Schmidt hat hier aber eine positive Nachricht für die Oberstufenschüler: „Als Kollegstufenbetreuer eines Gymnasiums im Münchner Osten weiß ich auch von anderen Kollegen in Bayern, dass die Noten in der neuen Oberstufe tendenziell besser zu sein scheinen als noch im neunjährigen Gymnasium.“ Trotzdem sind andere Problemfelder noch offen. Zwar wird vom Kultusministerium immer wieder betont, dass die Universitäten bestens gerüstet seien für den doppelten Jahrgang, doch glauben mag das von den Betroffenen keiner so recht.
Schmidt betont gleichzeitig: „Das Wichtigste ist jetzt Sicherheit. Wenn ständig neue Regelungen aus dem Ministerium kommen, hilft das uns Lehrern auch nichts. Wir haben aus den Fehlern in diesem Jahr gelernt. Zum nächsten Schuljahr wird unsere Schule zum Beispiel das wählbare Kursprogramm so gestalten, dass es von vorne herein nicht mehr zu diesen Belastungsspitzen von 38 Stunden kommen kann.“
Verständnis für ihre Sorgen bekommen die Schüler von den meisten Lehrern, die selbst ja nur innerhalb der Vorgaben aus dem Kultusministerium arbeiten können. Kein Verständnis hat der Vorsitzende des Philologenverbands aber für Aktionen wie einen Schülerstreik am Vormittag: „Ein Schulstreik ist kein Arbeitskampf. Die Zeit für die Vorbereitung auf das Abitur ist ohnehin knapp bemessen - und ein Streik während der Schulzeit ist da nicht besonders förderlich.“
Jonas Geisperger aus Straubing hat den Streik initiiert und verteidigt das Vorhaben der Schüler: „Der Leidensdruck ist einfach hoch. Wir machen das ja nicht zum Spaß, wir wollen einfach mit demokratischen Mitteln auf unsere Probleme aufmerksam machen - und dafür nehmen wir auch einen Verweis in Kauf“
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