FlüchtlingeReiseSpendentrampen

Break-Out: In 36 Stunden so weit weg wie möglich

Bei „Break-Out“ sammelten 79 Teams Spenden für die UNO-Flüchtlingshilfe. Ihre Aufgabe: Möglichst weit weg und das ohne Geld. Unsere Autorin Nina war dabei.

Von Nina Vogl

In 36 Stunden kann man 540 Mal hintereinander mit der längsten Achterbahn der Welt fahren oder Kiefer Sutherland dabei zusehen, wie er genau eineinhalb Terroristen fängt. Oder man fährt per Anhalter von München in die spanische Pampa. Tut man das zu zweit, hat dabei die gleichen, leuchtend orangenen T-Shirts an und lässt sich die ganze Zeit von einer störrischen GPS-Live-Tracking-App verfolgen, ist man höchstwahrscheinlich Teil der Spendenaktion „Break-Out – How far can you go?“.

Die Challenge: In 36 Stunden München möglichst weit hinter sich lassen. Zu zweit. Ohne Geld. Sponsoren zahlen am Ende ein paar Cent für jeden Kilometer, den die Teams zurücklegen. 2014 heben die zwei Münchner Studenten Moritz Berthold und Robert Darius das Projekt aus der Taufe. 24 Teams nehmen teil und sammeln über 10.000 Euro für die UNO-Flüchtlingshilfe. Genauer gesagt für das DAFI-Stipendien-Programm. Seit 1992 verschafft die Stiftung jungen Flüchtlingen Zugang zu höherer Bildung und ermöglicht ihnen durch finanzielle Unterstützung ein Studium. Bildung als Grundstein für ein selbstbestimmtes Leben und eine sichere Zukunft. Nachhaltige und fertig gedachte Förderung at it’s best. Für 2015 setzen sich die Organisatoren ein ambitioniertes Ziel. Verdopplung der Spendensumme. Schnell müssen sie feststellen, dass sie sich verschätzt haben. Am Ende sind es 79 Teams und knapp über 70.000 Euro, die das Projekt einfährt.

 

Urlaub für den guten Zweck

 

Der Name „Break-Out“ kommt nicht von ungefähr. Ohne Geld zu reisen, bedeutet, seine Komfortzone zu verlassen. Sich von der Hilfsbereitschaft Fremder abhängig zu machen. Auszubrechen aus der Anonymität, die man sich mit einem Zug-, Flug-, oder Busticket normalerweise gleich dazu kauft. Was spannend klingt, kann schnell anstrengend werden. Wenig Schlaf, Zeitdruck und Kamikaze-Autofahrer zerren am Nervenkostüm. Doch selten erfährt man in 36 Stunden so viel über andere Menschen. Und über sich selbst. Alles für die Story. Und den guten Zweck. Ein Erfahrungsbericht.

Geil. Angemeldet. Carlota und ich sprudeln vor Ideen und Tatendrang. Die erste Hürde steht bevor. Sponsoren finden. Aber wer zum Henker will uns Kilometergeld zahlen? Wir prostituieren uns in sozialen Medien und schicken verzweifelte Mails an alle Firmen im Branchenbuch. Zumindest alle mit „A“. Weder Anwälte noch Architekten noch Abflussreinigungsbetriebe zeigen sich großzügig. Team 128 mit dem kosmopolitischen Namen „Bagage Voyage“ geht in die Offensive. Die praktische Mappe mit Infomaterial verleiht uns Seriosität. Wir fühlen uns wie die Zeugen Jehovas als wir von Laden zu Laden streunen. Nur attraktiver. Aber genauso erfolglos. Am Ende finden wir dennoch großzügige Gönner. Facebook hilft. Persönliche Kontakte noch mehr. Und digitale Nekrophilie, denn mein eigentlich toter Tinder-Account wird dreist missbraucht. Ich reiße ihn aus seinem Grab und schiebe Fotos nach rechts bis ich mich schlecht fühle. Dreimal wird mir die Sperrung des Accounts angedroht. Egal, ein Wildfremder unterstützt unsere Sache!

 

Schnorren auf höchstem Niveau

 

Noch bevor es überhaupt losgeht, haben wir somit die ersten Hemmungen abgelegt und an der Grenze unserer Komfortzone gekratzt. Überhaupt bringt Break-Out einen dazu, seine Hemmschwelle wie eine Limbostange immer weiter zu senken. Irgendwann kann man easy drüber spazieren. Doch ist hierbei nicht die Rede davon, seine Hemmungen zusammen mit seiner Würde nackt über die Wiese laufen zu lassen. Die Würde darf bleiben. Sie muss nur etwas flexibler werden. Fettige Haare, verschwitzter Rücken, Nudeln aus dem Automaten und Katzenwäsche auf dem Tankstellenklo. Also viel flexibler. Am besten Spagat. Wäre da nicht der gute Zweck, wäre die Würde vermutlich längst weg. Bei jemandem, der sie mehr zu schätzen weiß.

 

Per Zettel zum Ziel

 

Der vermutlich schnellste Weg, um ohne Geld voranzukommen ist trampen. Dabei ist das wichtigste Utensil, wenn man da so nutzlos an der Straße steht, nicht der Daumen. Es ist das Schild. Das Schild an sich ist unproblematisch. Es ist viel mehr die Überwindung es hoch zu halten und sich der Gefahr auszusetzen, dass womöglich tatsächlich jemand anhält. Beim ersten Mal würde man am liebsten nach der ersten Ampelphase aufgeben, sich ein Ticket kaufen und Heim fahren. Ich meine, hey, wir haben es ja versucht. Doch auch hier irgendwann wieder Skrupel-Limbo. Aus Angst wird Sucht. Das Schild die Droge, das Warten der Rausch, das Anhalten eines Autos der Kick. Das Schild wird unser Freund. Unfassbar, dass ein paar Buchstaben auf einem Zettel gepaart mit einem freundlichen Lächeln uns mehrere hundert Kilometer weit bringen können. Vielleicht haben auch die Brüste geholfen. Aber wer weiß das schon. Wir sind so oder so froh, dass wir gleich vier davon dabei hatten.

Bei jedem Auto, das vorbei fährt, fragen wir uns, warum es nicht anhält. Vorurteilsfrei, wie wir sind, verfluchen wir die Fahrer regelmäßig als verklemmte, engstirnige Spießer, die Angst um ihr frisch gewaschenes Auto haben oder uns für geisteskrank halten. Wenn man versucht die zehn Menschen, die uns auf unserer Reise mitgenommen haben, zu kategorisieren, sticht einem sofort ein Fakt ins Auge. Nur Männer!  Ansonsten haben sie eher weniger gemeinsam. Sie fahren die unterschiedlichsten Autos: alt, neu, klein, groß, sauber, vollgemüllt. Haben die unterschiedlichsten Jobs: Geschäftsmann, Dr.Dr. Ingenieur, dubioser Autohändler, LKW-Fahrer. Kein Schema erkennbar. Nur eben keine Frauen. Sind wohl alle ängstlich, engstirnig und verklemmt. Oder nicht in unsere Richtung gefahren.

 

Habe die Ehre, liebe Sprachbarriere

 

Viel interessanter als die Frage, warum uns jemand nicht mitnimmt, ist doch eher, warum jemand doch stehen bleibt. Dank Carlotas Sprachkompetenz – kaum einer spricht Englisch und ich eher so: „Hehe, je ne understand mucho“ – erfahren wir das ein oder andere. Zehn Fahrer. Zehn Geschichten. Zehn Realitäten. Nach höheren Motiven sucht man vergeblich. Die Entscheidung stehen zu bleiben ist spontan. Nur einer meint, er hatte das Gefühl, es gehe hier um etwas Besonderes. Viele suchen nach Gesellschaft. Helfen für den Eigennutz sozusagen. Verwerflich? Nicht im geringsten. Viele der Fahrer freuen sich, dass sie mit ihrer Hilfe Teil unseres Projekts sein können.

So werden sie unfreiwillig zu unseren Komplizen und tragen erheblich zu unserem Erfolg bei. Ihnen wird klar, dass ihre Geste des Anhaltens mehr bedeutet als zwei junge Frauen vor verrückten Autofahrern zu bewahren und sie in den Urlaub zu chauffieren. Auf unserer Stirn steht ja nicht: „Wenn du anhältst, verhilfst du Flüchtlingen überall auf der Welt zu einer besseren Zukunft!“ Wir fragen uns, ob unterschiedliche Motive der gleichen Hilfeleistung einen anderen Wert verleihen. Am Ende ist es egal, warum uns jemand mitgenommen hat. Jeder hat seinen Teil zu unserer Reise beigetragen, ob aus Selbstlosigkeit oder Eigennutz. Geholfen haben sie so oder so.

 

Was wäre wenn?

 

Wenn du dann nachts um halb fünf völlig übermüdet an einer Raststätte im französischen Niemandsland stehst und keine Menschenseele dich mitnehmen will, geht es los: Was wäre wenn? Hätten wir nicht doch in Lyon aussteigen sollen? War es nicht unklug so ein langes Stück mit so einem langsamen LKW zu fahren? Hätte die Hühnersuppe aus dem Automaten besser geschmeckt als die Tomatensuppe? Gefährliche Gedanken. Wenn du dann noch auf deine Big-Brother-App schaust, deinen Standort aktualisierst und feststellst, dass die Teams in Schweden schon viel weiter sind, musst du dringend tief Luft holen. Die Müdigkeit hat gottseidank eine lethargische Wirkung, aufregen ist einfach zu anstrengend. Trotzdem ist das „was wäre wenn“ unser ständiger leiser Begleiter.  Am nächsten Tag überredet uns einer der Fahrer am Strand in Biarritz Pause zu machen. Ohje, wir haben doch keine Zeit. Er lädt ein zu köstlichem Fisch und zusammen genießen wir die Sonne und das Meer. Er setzt uns an der Straße ab. Wir warten fünf Minuten und steigen in einen alten Linienbus, vollgestopft mit Kühlschränken, Fernsehern, Koffern und sonstigem Kram. Es sind Hilfsgüter. Der Bus fährt in den Senegal. Was wäre…und wenn schon.

Team 128 befindet sich nach 36 Stunden in Tordesillas,1499km Luftlinie von München. Dank der Unterstützung der Sponsoren haben sie einen Betrag in Höhe von 2.073,21€ gesammelt. Sie kommen erst weitere 144 Stunden später wieder heim. Im Gepäck jede Menge Dreckwäsche, neue Freunde und Selbsterkenntnis.

Kommentare

  1. Ein wunderbarer Artikel über ein spannendes Erlebnis. Toll geschrieben!

    Alessia / Antworten

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren