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Aus der Timeline, aus dem Sinn. Wie wir Aleppo verdrängen.

Kein Hashtag. Kein Social Media Hype. Keine Challenge. Vor Aleppo verschließen wir lieber die Augen. Wir sollten sie aufmachen und etwas tun.

Die Nachrichten und die Bilder sind fürchterlich, sie sind herzzerreißend, sie sind brutal und kaum zu ertragen. Aber darf man deswegen einfach wegschauen? Darf man jetzt gleich aufhören, diesen Text zu lesen, weil er womöglich schlimm werden könnte? Die Augen verschließen vor der Gewalt, vor dem Leid, vor der Verstümmelung, vor den geschundenen Leibern? Darf man sagen „Das interessiert mich eigentlich nicht so wirklich“, zu den Menschen, die in Aleppo seit Jahren erbärmlich verrecken? Die ausgehungert, belagert, zerbombt, verstümmelt, entführt, gefoltert, ermordet, vergewaltigt, traumatisiert und – vergessen werden?

 

„Je suis sick of this shit“?

 

Seit fünfeinhalb Jahren „tobt der Bürgerkrieg in Syrien“, wie es immer heißt. Was das genau heißt: weiß das noch irgendwer? Will das noch irgendwer wissen? Wenn man sich im Netz so umschaut, dann scheint es so, dass das eigentlich nicht so wirklich interessiert. Oder haben „die Medien“ den großen Hashtag übersehen, den sie als Schlagzeile bringen können? „Je suis sick of this shit“?

Zur Erinnerung: Der Krieg in Syrien fing an, weil ein 13-jähriges Kind von Assads treuen Truppen entführt, gefoltert und ermordet wurde. Der Junge Hamza al-Khateeb hatte mit ein paar Freunden ein Graffito gesprayt, das den arabischen Frühling lobte. Assad hatte Angst, die Macht zu verlieren, wie Mubarak in Ägypten, wie Ben Ali in Tunesien, wie Gaddafi in Libyen, wo die Menschen versuchten, die Macht sich selbst, dem Volk, zu geben (Demokratie heißt das auf Griechisch). Ein schrecklicher Gedanke für einen psychopathischen Menschenschlächter und seine Helfershelfer. Die Menschen lehnten sich trotzdem für ihre Freiheit auf.

 

USA böse – Russland gut. Echt jetzt?

 

Relativ früh im Verlauf des Krieges konnten sich Russland und die USA wenigstens noch darauf einigen, die Chemiewaffen Syriens auf einem Spezialschiff im Mittelmeer zu zerstören. Dass dabei – wie im Westen vermutet – entgegen aller Versprechungen und Zusicherungen nicht alle Waffen abgeliefert und zerstört wurden, zeigte sich recht bald. 2013 überschritt Assad die „rote Linie“, die Barack Obama gezogen hatte, indem er Chemiewaffen gegen seine eigenen Bürger einsetzte. Die USA reagierten allerdings nicht. Das war die grüne Ampel für Assad (und Putin) den Krieg so richtig anzuheizen und fortan mit allen Mitteln und um jeden Preis – insbesondere die Menschenrechte und die Menschenwürde wurden hier verschachert – den „Endsieg“ herbeizuführen. Es regnete also nicht nur Chemikalien, sondern auch die ebenfalls verbotenen Fassbomben vom Himmel. Jede Stadt, die sich dem Diktator widersetzte und von einer freien Wahl, einer unabhängigen, fairen Regierung träumte, wurde belagert, ausgehungert und dem Erdboden gleichgemacht. Russland, Iran und die libanesische Hisbollah halfen tatkräftig mit.

Russland griff letztes Jahr in den Krieg ein. Laut eigener Darstellung ging es darum, die internationale Allianz zu unterstützen, die gegen den IS kämpft, der in Syrien beachtliche Geländegewinne verzeichnete und noch immer kontrolliert. Dass diese russische Darstellung nicht stimmt, konnte man von Anfang an hören, weil nämlich die Opposition und unabhängige Medien (sofern sie Zugang bekommen konnten) darüber berichtet hatten. Russland hat in Wahrheit nicht die Islamisten vom IS, sondern die Rebellengruppen, die gegen den Diktator und Menschenschlächter Baschar al Assad kämpfen, bombardiert. Das sieht man jetzt, wo durch diese Unterstützung der Sieg der Assadtruppen erst möglich erscheint.

 

Können wir denn gar nichts machen?

 

Wo war da der Aufschrei? Wo waren die linken Demonstranten, die den USA bei jeder Gelegenheit (Sturz Gaddafis in Libyen) Kriegstreiberei vorwerfen, jetzt, wo es Russland war, das Nägel mit Sprengköpfen machte? Wo ist die Friedensbewegung, die sich dem Morden mit Lichterketten in den Weg stellt, mit Liedern, mit Gebeten, mit fucking irgendwas? Sind wir nur noch mit uns selber beschäftigt? Ist es uns egal? Ist es uns zu anstrengend, mehr zu machen, als eine Onlinepetition anzuklicken? Kriegen so wenige in ihren Timelines davon etwas mit? Oder haben wir das ohnmächtige Gefühl, dass wir doch eh nichts machen können?

Wir können zum Beispiel spenden. Auch das geht online und vielfach sogar bequem per PayPal. Vielleicht muss man es auch weiterhin nicht öffentlich sehen, aber man muss es wenigstens spüren, dass es einen großen Haufen Leute gibt, denen das Schicksal von mit dem Tod ringenden Menschen nicht egal ist.

 

Willkürliche und unvollständige Auswahl von Petitionen und Spendenmöglichkeiten:

Stoppt das Morden in Syrien!

Eine Lösung für Syrien

 

Deutsch-Syrischer Verein zur Förderung der Freiheiten und Menschenrechte

Syrienhilfe

 

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Bildquelle: Benghin Ahmad unter CC BY-ND 2.0 Lizenz

Kommentare

  1. Hallo,
    ich bin schon etwas älter,aber was hier so als einzige Wahrheit geschrieben wird kann man so nicht unkommentiert lassen.Schaut euch mal „dienachdenkseiten“ von Albrecht Müller an oder sucht nach Daniele Ganser.
    Dort gibt es eine bessere Erklärung !!!!!!!

    geschrieben ist

    Günter Krause / Antworten
    • Lieber Günter Krause,
      ich weiß, wie ich meinen Job machen muss. Das habe ich auch bei diesem Artikel gemacht. Nämlich recherchiert und mir die Fakten angeschaut und meine Rechercheergebnisse geprüft und verifiziert. Ich habe mich dabei auf Quellen wie die UNO verlassen, von denen ich annehme, dass sie vertrauenswürdig sind, wurden sie doch ins Leben gerufen, um den Frieden auf der Welt zu fördern. Wofür es auf den von Ihnen genannten Seiten eine „bessere“ Erklärung gibt, machten Sie sich leider nicht die Mühe, uns allen Kommentarlesern mitzuteilen. Daher kann ich nur mutmaßen, dass Sie zu denjenigen gehören, die die völkerrechtswidrigen und menschenverachtenden und gegen die Genfer Konvention der Menschenrechte verstoßenden Methoden der russisch-iranisch-syrischen Kriegsführung goutieren oder apologisieren. Deshalb kann ich Ihren Beitrag nicht unkommentiert lassen, zumal ferner Ihr Kommentar nicht den Eindruck erweckt, als hätte sich Ihnen die eigentliche Aussage des Textes erschlossen.
      Wenn Sie „den Medien“ nicht (mehr) glauben, versuchen Sie doch bitte für sich (und gerne auch die Freunde in ihrer Filterbubble) diese Frage zu beantworten: Welches Interesse sollten Medien haben, als unglaubwürdig wahrgenommen zu werden? Meine Antwort lautet: gar keins. Eine Süddeutsche, Frankfurter oder Westdeutsche Allgemeine Zeitung, eine ZEIT, eine Welt, ein Münchner Merkur haben doch das allerhöchste Interesse daran als glaubwürdig wahrgenommen zu werden. Sie verdienen nämlich ihr Geld mit diesem Vertrauen, das die Leser*innen ihnen entgegen bringen. Dieses Vertrauen zu untergraben, hieße, den Ast, auf dem man sitzt, abzusägen, weil man sich der eigenen Geschäftsgrundlage beraubte. Das soll der Wunsch „der Medien“ sein? Ich kann es mir nicht vorstellen. „Die Medien“ sind dazu da, um den Mächtigen auf die Finger zu (sc)hauen. Ich finde, dass meine Kolleg*innen hier einen überaus großartigen Job machen.
      Als Soziologe und Kommunikationswissenschaftler möchte ich Ihnen außerdem die Fachliteratur zum Thema Medien sehr ans Herz legen. Die Wissenschaft beschäftigt sich nämlich umfassend mit Fragen der Unabhängigkeit im Journalismus, mit Fragen der öffentlichen Meinungsbildung oder mit Fragen der Wahrheits- und Nachrichtenfindung. Sie werden feststellen, dass hierzulande dabei alles mit rechten Dingen zugeht – wenn man die Bild außen vor lässt.
      In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen auch meinen Artikel zum Thema Lügenpresse zur Lektüre empfehlen: http://zeitjung.de/panama-papers-medien-korruption-luegenpresse/. Besinnliche Feiertage!

      Stephan Brandl / Antworten

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