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Serdar Somuncu: „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung“

Wir haben den Schauspieler und Kabarettisten Serdar Somuncu getroffen und mit ihm über deutsche Übertoleranz, beleidigte Veganer und bekehrte Nazis gesprochen.

Glattgebügelte deutsche Comedy? Klares Nein. Stattdessen: Beschimpfungen. „Jede Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung“ heißt das Motto bei Serdar Somuncus Auftritten. Männer, Frauen, Türken, Deutsche, Politiker, Stars – absolut jeder wird zuverlässig beleidigt. Wer hinter den Schimpf-Attacken einen tumben Schreihals vermutet, der irrt: Somuncu ist nicht nur Kabarettist, sondern auch Schriftsteller, Regisseur, Musiker und Synchronsprecher, außerdem ist er regelmäßig in diversen deutschen Talk- und Satireshows zu Gast. Seine Karriere startete er Mitte der Neunziger, als er mit szenischen Lesungen von Hitlers „Mein Kampf“ durch die Republik tourte. Der Sinn hinter dieser Aktion? Hitlers Werk „durch Konfrontation den Horror nehmen“. Der Erfolg war überwältigend: 1.428-mal trug er Adolfs Irrungen auf der Bühne vor, regelmäßig auch vor Neonazis. Über 250.000 Zuschauer, darunter auch Überlebende der Konzentrationslager in Buchenwald und Sachsenhausen, hat er allein mit den „Mein Kampf“ Lesungen erreicht. Es folgten u.a. „Hatenight„, „Der Hassprediger liest BILD“ und „Ein demagogischer Blindtest„.

Nach einem spielfreien Jahr geht Somuncu nun mit seinem neuen Programm „H2 Universe – Die Machtergreifung“ auf Tour – der Hassias verspricht ein „neues Zeitalter der Intoleranz“. Wir haben ihn in München getroffen.

 

ZEITjUNG.de: Du hast bald 30-jähriges Bühnenjubiläum. Wie viel Hass ist noch übrig?

Ach, genug.

Was hasst du im Moment am meisten?

Lass mich mal überlegen. Letzte Woche hab ich mich zum Beispiel tierisch darüber aufgeregt, wie oberflächlich manche Sachen in meinem Business sind. Wie schnell sich Dinge entwickeln, was alles gehypt wird, während manches fast schon unter Ausschluss der Öffentlichkeit passiert. Gleichzeitig reißt man sich für ganz viele Dinge den Arsch auf, und am Ende ist es doch immer noch so schwer wie am Anfang. Ständig muss man Gas geben, Leute überzeugen. Man wird sogar zensiert und gemieden. Fernsehen wird vor allem von ängstlichen Leuten gemacht.

Wieso haben die Leute Angst vor dir?

Die wissen nicht, was ich sagen werde. Das ist das schlimmste beim Fernsehen. Die wollen sich rückversichern, sagen dann, was nicht geht. Das macht mich echt wütend.

Aber genau das macht deine Kunst aus.

Das ist der Punkt. Deshalb bin ich ja auch auf Tour und hole mir dadurch das, was ich beim Fernsehen nicht bekomme (lacht).

Du bist oft zu Talkshows eingeladen. Was ist da der Unterschied zu Auftritten wie bei TV Total oder Die Anstalt?

Dass ich da ich selbst sein kann. Aber auch da kann man nicht immer unbefangen reden. Du kannst natürlich in so eine Talkshow gehen und alles auf den Kopf stellen. Aber dann laden die dich halt nicht mehr ein. Da muss man ein bisschen geschickter vorgehen.

Während deiner Lesungen von Mein Kampf musstest du oft kugelsichere Westen tragen, weil Nazis dich bedroht haben. Bist du heute noch Bedrohungen ausgesetzt?

Es gibt auch heute immer noch Drohungen. Das kommt immer darauf an, worüber ich rede. Als ich bei Anne Will über Uli Hoeneß gesprochen habe, bekam ich Hunderte Hassbriefe von Hoeneß-Fans. Wenn ich einen Stand-Up über Veganer spiele, bekomme ich Hassbriefe von Veganern. Und wenn ich über Moslems spreche, bekomme ich eben Hassbriefe von Moslems. Das geht mittlerweile sehr schnell. Jeder hat die Möglichkeit, über das Internet seine Meinung kundzutun, und jeder muss seinen Senf dazugeben. Der ist halt nicht immer freundlich. Aber gerade die Mein-Kampf-Lesungen haben sich trotz allem extrem gelohnt.

Inwiefern?

Noch heute bekomme ich Briefe von Leuten, die mir schreiben, dass die Lesungen für sie ein entscheidender Punkt in ihrem Leben waren. Dass sie heute die Dinge anders beurteilen können.

Du konntest Nazis davon überzeugen, die Dinge anders zu beurteilen?

Tatsächlich. Die schreiben mir dann „Ich war damals glühender Nazi und heute ist das anders. Ausschlaggebend war deine Lesung und was du dort erzählt hast.“

Das ist verdammt beeindruckend.

Das macht mich auch echt sehr stolz.

Ende des Jahres läuft das Urheberrecht für Mein Kampf aus, welches im Moment noch beim Freistaat Bayern liegt. Werden wir Hitlers Pamphlet bald in den Bücherläden finden?

Das hoffe ich. Die Art, wie mit diesem Buch umgegangen wird, ist doch verlogen. Die Bayern tun so, als könnte man Mein Kampf nirgendwo kaufen – was nicht stimmt, du bekommst das Buch überall auf der Welt, es wurde in 138 Sprachen übersetzt. Die englische Ausgabe wird sogar bei Random House vertrieben, das ist eine Tochter von Bertelsmann. Wen wollt ihr verarschen? Verkauft es doch einfach! Dann ist es ein Jahr lang auf lang Platz eins der Bestsellerlisten, und danach interessiert es keinen mehr. Der Hauptreiz liegt doch darin, dass es verboten ist.

Als du eingeschult wurdest, wollte dich der Schulleiter nicht in eine Klasse mit deutschen Kindern einteilen. Das ist jetzt rund 40 Jahre her. Wie schätzt du die aktuelle Situation ein? Wie tief ist Rassismus noch heute in der Gesellschaft verankert?

Diese allgemeine Annahme, dass Ausländer „sich einfach nicht integrieren wollen“, stimmt schlicht und ergreifend nicht. Von Anfang an wurden diese Leute separiert. Die Wohnungsämter haben ihnen eigene Viertel zugewiesen, damit sie unter sich sein konnten. Solche Viertel sind nicht entstanden, weil die Türken keinen Bock auf die Deutschen hatten, sondern weil das so geplant wurde. Aus dieser ganzen Ablehnung entstand eine Eigendynamik: „Wenn uns die Deutschen hier sowieso nicht wollen, warum sollten wir uns dann integrieren?“ Das ist auch nicht gut. Aber es ist eine Folge der eben beschriebenen Entwicklung. Das führt zu einer immer stärkeren Abschottung.

Auf der anderen Seite steht die Übertoleranz, die du scharf kritisierst.

Genau. Die Übertoleranz der Menschen, die aus schlechtem Gewissen immer alles abnicken. Und dann für den Bau einer Moschee stimmen. Ohne zu reflektieren, ob es diese Moschee überhaupt braucht. Einfach zu allem Ja zu sagen ist auch keine Lösung.

Was können wir von deinem neuen Programm erwarten? Außer flächendeckenden Beleidigungen, versteht sich.

Die kommen sicher vor. Ansonsten hab ich keine Ahnung.

Du hast noch gar keinen Plan, wie du dein Programm gestalten wirst?

Nee. In dem Moment, in dem ich auf die Bühne gehe, geht’s los. Vorher weiß ich selber nicht, was passieren wird.

Genügend Material für den Hassias ist ja vorhanden.

Definitiv. Es wird alles vorkommen, was besprochen wurde. Pegida, Griechenland, Fußball-WM, Boulevardthemen. Es gibt viel zu erzählen.

Finale: Hast du noch einen Appell an junge Menschen?

Lest mehr. Keine Ahnung, ich habe keinen Appell (lacht). Ist ja nicht so, als ob alle jungen Menschen dasselbe Problem hätten.

Laut Bildungsforschern ja schon. Die gesamte Generation Y ist angeblich smartphonesüchtig, ziellos und hat Bindungsängste.

Ziellos? Seit wann muss man denn in eurem Alter wissen, was man will? Heutzutage ist man doch erst mit 29 erwachsen. Wenn überhaupt. Ist doch eigentlich gut so.

 

 

serdar

 

Serdar ist ab Mai in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs. Alle Tourdaten sind hier zu finden.

 

 

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Bildquelle: privat, Johannes Boventer

Kommentare

  1. Ich mag ihn,
    und wohl auch weil er nicht ständig nur eine eigene selbsterfahrene Diskriminierung betont sonder auch unabh. davon urtilen aknn. Manchen Dt. ohne Migrationshintergrund stände es gut etwas aufmüpfiger und (selbst)kritischer zu sein so wie er es ist.
    Bei Anne Will am 10.4.16 war er die geistige Bereicherung der Diskussion für mich, währedn CDU-Verteter sich schön darum herumdrücken die Wahrnehmehung der Nation auch zuzugeben.

    T.Faber / Antworten

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