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Was Drogen heutzutage über unsere Generation aussagen

In den 70ern war es LSD, in den 80ern Kokain, jetzt ist Ketamin angesagt: Welche Drogen konsumiert werden, hängt von der gesellschaftlichen Situation ab.

Die Welt ist im Wandel. Nach der teilweisen Cannabis-Legalisierung in den USA hat Anfang November auch Mexikos Oberster Gerichthof das geltende Verbot grundsätzlich aufgehoben, nun zieht Kanada nach und will sich unter dem neuen Premier Justin Trudeau ebenfalls dafür einsetzen, den Genuss von Marihuana straffrei zu stellen. Und selbst in Deutschland tut sich etwas – spätestens seit Anfang des Jahres wird heftig darüber diskutiert, ob man nicht endlich das Hanf freigeben sollte. Die Politik hat das Kiffen für sich entdeckt – klar, die Grünen tragen es ja praktisch im Namen, aber selbst bei den Sozialdemokraten setzt langsam, aber sicher ein Umdenken ein. Der Bürgermeister von Bremen etwa, Carsten Sieling, hält eine Kriminalisierung für „nicht mehr zeitgemäß“, außerdem entstünden dadurch hohe Kosten bei der Polizei und den Strafverfolgungsbehörden, die man durch eine Legalisierung eindämmen könnte. Der Jugendrichter Andreas Müller findet gar, dass Kiffen „Deutschland friedlicher machen wird“ und stellt gegenüber dem ZEITMagazin fest: „Die Stimmung ändert sich gerade massiv.“

 

Geregelte Abgabe statt absolutem Verbot?

 

Was das Gras angeht, scheinen sich weite Teile der Gesellschaft also einig zu sein – Kriminalisierung schadet mehr, als dass sie nützt. Wenn es allerdings um andere Drogen geht, scheiden sich die Geister. Der US-Ökonom Jeffrey Miron etwa spricht sich seit Jahren für eine vollständige Legalisierung aller Rauschmittel aus. „Ein Verbot von Drogen ist wohl die schlechteste Lösung, um Schaden zu verhindern“, sagte er 2013 gegenüber SPIEGEL ONLINE. Die Sucht sei nicht das Hauptproblem. „Prohibition führt zu Gewalt. Indem man einen Schwarzmarkt erzwingt, erzeugt man Gewalt, weil die Konflikte der Handelnden im Drogengeschäft nicht innerhalb des Justizsystems gelöst werden können. Die Akteure werden in eine Schattenwelt gezwungen, in der sie einander erschießen müssen, anstatt Anwälte einzuschalten und vor Gericht zu ziehen.“ Die Gewerkschaft der Polizei hingegen warnt schon vor der Freigabe von sogenannten weichen Drogen. Allein der Konsum von Cannabis könne zu erheblichen sozialen und gesundheitlichen Konflikten führen. Es müsse „endlich Schluss damit sein, den Joint schönzureden“.

„Drogenpolitik ist oft auch Moralpolitik. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man sich damit beschäftigt, wie die Politik versucht, Probleme zu lösen, die Drogen für eine Gesellschaft verursachen“, schreiben die Autoren Jörg Böckem und Henrik Jungaberle in ihrem im März erschienenem „Aufklärungsbuch“ High Sein. „Sowohl Prohibition auf der einen als auch Entkriminalisierung und Legalisierung auf der anderen Seite sind keine Mittel gegen menschliche Verzweiflung und die Sehnsucht nach Betäubung. Egal welche Strategie eine Drogenpolitik verfolgt: Aufklärung, Harm Reduction und Suchtprävention sollten immer ein Teil davon sein.“

 

Ein Spiegel der Gesellschaft

 

Fakt ist: Menschen werden immer Drogen nehmen. Ob Alkohol, Marihuana oder Kokain: wir genießen den Rausch – und jede Generation hat ihre ganz persönlichen Rauschmittel. Der „Summer of Love“ ohne LSD? Undenkbar. „Es ist kein Zufall, dass Hippies und Wissenschaftler mit LSD experimentierten“, sagt Vice-Autorin Bertie Brandes dazu. „Acid mit seiner gleichzeitigen intro- und extrovertierten Wahrnehmung, Halluzinationen und Visionen hat die Besessenheit der 60er mit persönlicher Entdeckung und Selbstfindung perfekt verkörpert.“ In den 80er Jahren wurde in den USA dann das teure weiße Pulver immer populärer. Und warum? „Beim Kokain-Konsum in den USA in den 1980er Jahren ging es darum, an der Gesellschaft teilzunehmen, wacher zu sein, schneller und besser zu sein als andere“, so der UN-Experte Thomas Pietschmann in der Süddeutschen Zeitung, „Individualismus und Konkurrenzkampf spielten eine größere Rolle.“ Der Drogenkonsum einer Generation ist somit ein Abbild dessen, was sich in den Köpfen tut. Und, wie sieht es heute aus?

 

Happy Pills für Depressive

 

Cannabis ist zwar mit Abstand die am weitesten verbreitete Substanz (was daran liegen dürfte, dass Gras relativ mild, relativ günstig und relativ einfach bekommen zu ist), allerdings nimmt seit einiger Zeit der Ketamin-Konsum weltweit massiv zu. Die Droge, die unter dem Namen Special K, Vitamin K oder einfach nur K vertickt wird, soll das Gefühl erzeugen, seinen eigenen Körper zu verlassen und mit der Umwelt zusammenzufließen. Konsumierende kommen drugcom.de zufolge an einen Punkt, an dem sie sich von der Realität völlig losgelöst fühlen; ursprünglich war die Substanz aber zur Behandlung von schwer Depressiven vorgesehen. Ketamin wird in den USA auch heute noch als starkes und schnell wirksames Antidepressivum angepriesen – bei Testpersonen reduzierte eine Dosis die Symptome innerhalb eines Tages um mindestens 50 Prozent. An Tag zwei konnten bei einem Drittel gar keine depressiven Symptome mehr nachgewiesen werden. Ketamin scheint die wohl am schnellsten wirkende Happy Pill der Geschichte zu sein, auch wenn die Langzeitfolgen längst nicht gut genug erforscht sind. „Die kulturell relevanteste Droge der 60er mit den Selbstfindungstrips und freier Liebe war Acid. Die kulturell relevanteste Droge unserer Generation ist Ketamin. Was sagt das über uns aus?“, fragt Brandes.

 

Lieber mal ausklinken

 

Ja, was sagt das über uns aus, dass wir uns seit neuestem offensichtlich am liebsten mit Antidepressiva wegballern? „Wo es einst Spannung gab, gibt es jetzt sofortige Bedürfnisbefriedigung; wo es einst sexuelle Entdeckungen und Experimente gab, gibt es die offene Ödnis von Internetpornos„, so Brandes. „Die hypersoziale Natur des Internets bedeutet, dass wir ständig umgeben sind. In ständigem Kontakt mit Leuten zu sein, ist anstrengend; genauso wie die Erwartung, ständig neue Informationen aufzunehmen und dennoch eine einzigartige Identität aufrechtzuerhalten. Durch den ganzen Lärm, dieselben Geräusche und Vibrationen, durch das ständige E-Mail-Checken sowie die unterschwellige Werbung entsteht eine ansteckende Einsamkeit, die dafür sorgt, dass man noch mehr seine Ruhe haben will. Ich meine, dass Ketamin diese Isolierung hervorruft. Es ist keine kreative Droge, auch keine soziale; stattdessen sorgt sie für eine Art Lähmung.“

Von allem zu viel und gleichzeitig doch zu wenig. Ständige Erreichbarkeit, Internet-Anonymität, zelebrierter Individualismus. Allgemein ist die Generation Y ja als wenig begeisterungsfähig verschrien, eine echte Revolution, welcher Art auch immer, scheint heute fast undenkbar. Wer hat schon Zeit, sich als Mittzwanziger jede Woche an Diskussionen oder Demos zu beteiligen, wenn man doch an seiner Karriere basteln muss? Schließlich will man seine völlig überteuerte Miete auch noch in fünf Jahren zahlen können. „Bevor du Feuer bei der Generation entfachst, fahren wir Hovercraft durch eine Mondlandschaft“, rappt Ausnahme-Poet Alligatoah auf dem Titelsong seines neuen Albums. Sind wir leidenschaftslos geworden?

 

„Rausch aus Vernunft ist ein Paradoxon“

 

Ja, findet zumindest SZ-Autor Sebastian Gierke, und kritisiert, dass der Rausch heute komplett ohne politische Dimensionen stattfindet: „Heute passt sich der Rausch meist in das zeitgemäße Modell ökonomischer Rationalität ein und stellt die routinierten Abläufe im Alltag und der Arbeitswelt gerade nicht in Frage. Drogen werden zu Medikamenten, zum festen Bestandteil der Work-Life-Balance. Das Bier oder die Flasche Wein am Feierabend dient der Regeneration.“ Doping ist sogar im Laiensport mittlerweile zur Normalität geworden, jeder fünfte Student putscht sich mit Koffein, Ritalin oder Amphetaminen, um seine Leistung zu steigern. „Ich fühlte mich auf Ritalin fast schon übermenschlich“, berichtet die Studentin Anne im Buch High Sein. „Ich konnte so unglaublich viel schaffen und wurde nicht von störenden Bedürfnissen abgelenkt.“

Zusammengefasst: Um leistungsstark zu sein, putschen wir uns, damit wir wieder runterkommen, rauchen wir was, und wenn uns alles zu viel wird, gibt’s ne Nase Happiness. Es sei zwar jedem selbst überlassen, ob man und wenn ja, welche Drogen man zu sich nimmt. Allerdings kann es auch nicht schaden, mal die eigenen Prioritäten zu überdenken. „Rausch aus Vernunft ist ein Paradoxon: Das per se Unvernünftige des Lustgewinns kommt uns abhanden“, sagt Gierke. „Räusche sind keine Alternativen zur Selbstausbeutung mehr, sondern Mittel, um die Schäden durch die Selbstausbeutung zu reparieren. Menschen, die sich auf diese Art berauschen, laufen Gefahr, zu unpolitischen Narzissten zu werden. Der Rausch verliert jede politische Dimension, wenn er nicht mehr ist als schnöde Arbeit am Selbst. Dann geht es nur noch darum, das Leben im Rausch nachzuahmen, zu bestätigen. Um ein anderes Leben geht es nicht mehr.“

 

 

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Bildquelle: Nadja Tatar unter CC BY 2.0

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