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Liebe Empathie, du kotzt mich an!

Es liegt an dir, nicht an mir! Ein offener Brief an das Einfühlungsvermögen.

Liebe Empathie, wir müssen reden.

Seit 27 Jahren hab ich dich jetzt an meiner Seite und du warst mir immer ein guter Wegbegleiter. Du hast mir geholfen, viele liebe Menschen in meinem Leben zu sammeln und mich in meinem Umfeld immer sehr gut zurecht zu finden. Aber seit ein paar Jahren… ich weiß auch nicht. Es hat sich was verändert. Und ich habe viel nachgedacht, was du mir in meinem Leben so erschwert hast.

Schon als ich klein war, hast du mich oft zum Heulen gebracht. Bei Obdachlosen auf der Straße, bei Schmuckverkäufern am Strand von Süditalien, bei alten Menschen mit Krückstock – immer hast du mich untröstlich flennend stehen lassen, kaum zu beruhigen und tief getroffen vom Schicksal der anderen Menschen. Weiter ging es dann in der Schule und den Kindern, die irgendwie komisch gerochen haben oder saublöde Klamotten anhatten. Wie oft hab ich mich wegen dir auf die Heizung in der großen Aula neben diese Kids gesetzt? Weil sie alleine waren und sie alle nur verarscht haben? Selbst wenn ich sie nicht mal mochte, weil es gemeine Kackbratzen waren – ich hab sie trotzdem zum Mittagessen eingeladen und meine Mama damit wiederum untröstlich gemacht.

 

Fick dich ins Knie, Empathie!

 

Jetzt im Erwachsenenleben grätscht du mir auch immer wieder rein. Dank dir zerbreche ich mir nicht nur viel zu hart den eigenen Kopf – nein! Liebend gern auch den der anderen. Es ist anstrengend mit dir. Du machst mich müde, dabei kann ich schon lange nicht mehr richtig pennen, weil du besonders gerne nachts um 2 Uhr mit mir quatschen willst. Dann stellst du am liebsten so richtig große Fragen und willst wissen, ob ich nicht diese eine Person mit meinem Kommentar verletzt habe oder ob in meiner Beziehung wirklich alles so schön ist, wie es sich gerade anfühlt.

Meine Laune ist oft von dir abhängig! Es dreht sich oft alles nur um dich, du lässt mich jeden Hauch der Veränderung in meinem Umfeld spüren. Geht es meinen Freunden nicht gut, kann ich meinen Abend auch an den Nagel hängen – ich hänge nämlich mit am selbigen. Du verlangst von mir, dass ich immer allen ein gutes Gefühl geben will, alle entertainen muss, bis sie wieder happy und leicht sind.

Nach außen wirkst du super awesome, als einer der geilsten Eigenschaften ever. Einfühlsamkeit ist ja was schönes, nicht? Tatsächlich bist du oft nur eins: Du bist sehr, sehr anstrengend. Um es dir leichter zu machen, sage ich dir explizit wann und warum:

 

Verletze ich unbewusst Leute, fühle ich mich wegen dir wie eine schreckliche Person und eine miese Freundin.

 

Wegen dir habe ich schon um ganze Freundschaften gebangt, weil du mir das Gefühl gegeben hast, den schlimmsten und unverzeihlichsten Kommentar aller Zeiten abgegeben zu haben. Wenn andere sauer auf mich sind, kostet mich es alle Kraft der Welt, das zu ertragen. Ich weiß, dass man im Leben andere Menschen verletzt – und das meist unbewusst – aber trotzdem, du lässt mich fühlen, wie eine der unerträglichsten Personen im Kosmos. Danke, Empathie.

 

Ich denke grundsätzlich, es sei meine Verantwortung, dass es allen Menschen im Raum gut gehen muss.

 

Bin ich in einer Gruppe von Leuten unterwegs und spüre, dass sich eine Person nicht wohl fühlt, es Streit gibt oder einfach Langeweile herrscht – here I am. Ich gebe mir so viel Mühe, es dem Menschen besser gehen zu lassen, ich kann nicht anders. Und es ist anstrengend für beide. Man kann nicht alle Menschen öffnen oder ihnen gute Laune aufzwängen. Natürlich ist es wundervoll, wenn es wirklich funktioniert – aber um so ätzender das Gefühl, wenn ich „versage“. Stille Menschen, ihr bringt meinen Kopf zum Verzweifeln.

 

Lieber lasse ich mich selbst verletzen, wenn es bedeutet, dass dann andere nicht verletzt werden.

 

Manchmal sage ich zu viel „Ja und Amen“ – weil ich weiß, dass es dem anderen wichtig ist. „Ist schon ok!“… nein, es ist nicht immer ok, aber trotzdem einer meiner Lieblingssätze. Kritik äußern kann ich schon… allerdings nur auf einer sehr abstrakten Ebene. Fremden Menschen gegenüber sowieso nicht. Wegen dir neige ich oft dazu, Zustände zu vertuschen und zu beschönigen, wenn ich weiß, es könnte dem anderen weh tun. Einmal habe ich mich zwischen zwei Autos gestellt, weil das eine das andere fast angefahren hätte. Lieber kaputte Knie als ein kaputtes Auto, ja ne is‘ klar.

Ich kann schwer „Nein“ sagen, aus Angst, jemandem weh zutun. Verliebt sich jemand in mich und ich nicht in ihn, dann sage ich: „Jetzt nicht…. vielleicht später!“ Lieber sage ich drei Leuten für eine Abendveranstaltung zu und bin auf allen dreien nur kurz, als zu einer wichtigen Person zu sagen – Ne, Sorry. Keine Zeit für dich. Natürlich klappt das nicht, dann muss ich etwas Abgemachtes absagen und es bricht mir das Herz, wenn der andere dann sauer ist. Hätte ich halt gleich Nein gesagt. Nochmal Danke, Empathie.

 

Bei starken Filmen und großen Geschichten bin ich ein emotionales Wrack.

 

Ice Age Teil 1: Das Baby sieht endlich seinen Papa wieder, muss sich aber von Sid, Diego und Manni trennen dafür. Alle so: „aaaaaaaaaaw“. Ich wiederum habe Schnappatmung, Tränen ohne Ende und fühle mich so tief getroffen, als wäre es mein eigener Vater und mein eigener Abschied von Faultier, Säbelzahntiger und Mammut.

Geburt des ersten Kindes meiner besten Freundin: Ich habe dem Baby meine Freudentränen auf seine Backen rinnen lassen. Sorry, Kurzer!

Liebeskummer meiner ehemaligen Mitbewohnerin: Ihr arschgesichtiger Typ verlässt sie, weil er sich noch ausleben will. Sie weint. Ich weine. Wer weint nicht? Er.

 

Ich sehe immer das Beste in den Menschen. Auch in Arschlöchern.

 

Man könnte es auch Naivität nennen. Überspitzt gesagt, lässt du mich, liebe blöde Empathie, sogar in einem scheiß Pegida-Demonstranten irgendwo eine gute unverstandene Seele erspüren. Ich akzeptiere manchmal saublöde Verhaltensweisen von anderen, weil ich weiß, dass sie gerade in schwierigen Situationen sind. In einer Diskussion will ich immer alle Facetten beleuchten, um auf keinen Fall eine Seite nicht mit einbezogen zu haben. Nach Weitblick klingt das. Ich finde eher, es klingt nach einem Kopf, der gleich platzt.

Ach Mensch, Empathie. Wie soll es enden? Brauchen wir ’ne Auszeit?
Kann ich ohne dich? Ich weiß es nicht.

 

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Bildquelle: Abo Ngalonkulu via Unsplash unter cc0

 

 

Kommentare

  1. Hallo,

    Es scheint so, als würdest Du Dich selbst vernachlässigen, echte Emphatie setzt Selbsliebe voraus, vielleicht erst mal prüfen. Es gibt dszu aus den 80 gern eln tolles Buch von Schmidtbauer, heisst,die hilflosen Helfer

    Alles Gute

    Michael aus Berlin

    michael / Antworten
  2. Hammer! ! Danke 😍

    Sylvie Schmidt / Antworten
  3. :-D Großartig geschrieben !! Ich musste öfters lachen ! Meine Empathie könnte ich auch öfters in die Wüste schicken ;-) Ellenbogen -Menschen kommen heutzutage einfach weiter. Is so ;-)

    Penelope / Antworten

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