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Hassobjekt: Das Tatort „Public Viewing“

Tatort ist nichts anderes als ein Hipster-Heimatkrimi! Wie es das Public Viewing schafft, die Lieblingskneipe in einen ganz seltsamen Ort zu verwandeln.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten ab sofort immer montags in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: „Tatort Public Viewing“.

 

Dem Tatort ist viel abzugewinnen. Doch, wirklich: Gern schalte ich am Sonntagabend um 20:15 Uhr das Erste Deutsche Fernsehen ein, nur um das Intro der ARD-Institution Tatort zu schauen. Seit rund 40 Jahren verzichtet man auf ein Remake des charmanten Titel-Klassikers mit dem hohen Wiedererkennungswert.

Ob dies jedoch auch der Grund für eines der seltsamsten und erfolgreichsten Phänomene der TV-Neuzeit ist, sei mal dahingestellt. Denn es ist so: Google findet unter dem Suchbegriff „Tatort Public Viewing“ 102.000 Treffer. Zugegebenermaßen fügt sich der Begriff ‚Public Viewing’ (zumindest vom Ursprung her) gut in die inhaltlichen Abhandlungen des ARD-Urgesteins ein. Aber da hört mein Verständnis dieser Zusammenkunft auch schon wieder auf.

 

Popcorn statt Jukebox

 

Letztens wohnte ich einer solchen Veranstaltung rein zufällig und ungewollt bei. Konnte ja keiner ahnen, dass der Barkeeper meines Vertrauens zur Primetime Popcorn in seinem Laden verteilt. Nun gut, bis dahin hatte ich bereits von vielen begeisterten Fans dieser öffentlichen Ausstrahlungen gehört – kann man sich also auch selbst ein Bild machen. Vorab sei gesagt, dass es sich dabei um meinen ersten bewussten Tatort-Kontakt seit Menschengedenken handelte.

Was nach der sensationellen Grafikleistung des sympathisch nostalgischen Intros passierte, hatte ich so jedoch nicht erwartet: Jan Josef Liefers (wo spielt der eigentlich NICHT mit?) hat die Bildschirmdiagonale noch nicht einmal komplett durchquert, da beginnen die ersten Tuscheleien vom Billardtisch hinten im Eck: „Die Nachbarin war´s. So emotionslos reagiert doch sonst niemand.“ Die schlüssige Argumentation sowie das beipflichtende „Hmhm“ des vom Bildschirm hypnotisierte Sitznachbarn, überzeugen mich davon, dass hier wahre Profis unter den Zuschauern sitzen.

 

Kopfgeldjäger im Ruhebereich

 

Ähnliche Gespräche und Verdächtigungen finden über die gesamte Thekenlänge statt. Neben mir schieben zwei Mittfünfziger Geld über den Tresen. Erst denke ich, dass sie zahlen wollen, da die Handlung ihren intellektuellen Ansprüchen nicht genügt. Doch dann merke ich, dass hier auf den Mörder gesetzt wird. Durch meine zwanzigminütige Tatort-Erfahrung und durch ein weiteres Bier bestärkt, werfe ich ebenfalls den Inhalt meines Geldbeutels auf den Tisch und rufe: „Alles auf die Nachbarin – so emotionslos reagiert doch sonst niemand.“ „Psssssssst!“, zischt es mir aus mindestens 40 empörten Mündern entgegen. 40! So voll frequentiert ist der Laden sonst nicht einmal an Vatertag.

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