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In der Mitfahrgelegenheit mit… einfach allen Wiesnbesuchern

Das Oktoberfest ist ein saisonales Tor zur Hölle, wenn man mit Wiesn-Lovern 60 Kilometer das verdammte Zugabteil teilen muss – inklusive Proseccoweibern und C&A-Dirndln.

München-Berlin, Wien-Hannover. Fremde Autos, unbekannte Menschen, das Gefühl, endlich ankommen zu wollen oder am liebsten nie: Das ist das nur zu bekannte Prinzip Mitfahrgelegenheit, das wie eine Art Alltagsroulette mal für heiße Nummern auf dem Rücksitz sorgt (solls auch geben…) und mal nicht mehr und nicht weniger ist als die billigste Fahrt zur Hölle ist. Von diesen Geschichten und vor allem denen dazwischen, von den kuriosesten Erlebnissen, von Schlagabtäuschen bei 120 auf der Autobahn und absurden Bekanntschaften erzählen wir in „In der Mitfahrgelegenheit mit…“.

 

Eine Mitfahrgelegenheit war mein Erlebnis heute nur im eigentlichen Sinne – tatsächlich war ich im Regionalexpress Augsburg – München. Zur Wiesnzeit. Einem saisonalen Tor zur lauten, parfüm- und alkoholgetränkten Hölle, meine persönliche Nemesis sämtlicher Mitfahrgelegenheiten (und ich war auch schon mit einem AfD-Wähler unterwegs!)

9.30 Uhr: Nichtsahnend und grenzenlos naiv stehe ich mit meinem Rucksack und meiner Bäckertüte am Bahnsteig, eine Haltestelle vor Augsburg – dass keine 60 Kilometer weiter schon die ersten Oktoberfestbesucher die frisch polierten Bierzeltbänke vollreihern, habe ich schon wieder völlig vergessen. Hier ist kein Trachtenträger weit und breit, lediglich eine alte Omi mit Dackel steht neben mir und macht eine Bemerkung über den schönen warmen Spätsommertag. Die roboterhafte Durchsagen-Lady der Bahn kündigt den einfahrenden Regio-Express nach München an, in die wunderbare Stadt mit dem schönen blauen Bayernhimmel. Mit schrillendem Ton düst der Zug vor meinen Augen an und kommt zum Stehen. Die Türen piepsen, ich hoffe ganz arg auf einen Sitzplatz, auf dem ich erst mal die Botten ausziehen und mein Frühstück mümmeln kann. „Ich freu mich!“, sagt mein Herz. „Pustekuchen, Missy!“, sagt das Leben – und öffnet die Tür.

Dahinter: ein berüschter und lederner Zerberus mit ungefähr 2000 kläffenden und grölenden Köpfen! Eine brodelnde Masse, gekleidet in der neuesten Trachtenkollektion von C&A und dem örtlichen Sneaker-Outlet: Testosterongeschwängerte Burschen und äußerst fraglich gekleideten Madln in Highheels und Mini-Dirndln, deren Dekolletés eher von Korbgröße als Körbchengröße sprechen lassen. Sie stehen bis zum Anschlag an der Tür, eine Proseccoflasche knallt auf den Bahnsteig, ein älterer Herr reicht mir mit den Worten „Ja, Mausi!!“ die Hand und zieht mich in den Zug.

 

Wie im Paradies… nur halt anders!

 

Da steh ich nun. Im Prä-Wiesn-Nirvana. In einer Wolke aus billigen, schwerem Parfüm, Schweiß, Axe-Deo für langanhaltende Freshness und Bier. Überall Bier. Ich verdamme mich für die Entscheidung, nicht noch früher losgefahren zu sein, vielleicht wäre ich der mobilen Wiesn dann entkommen (obwohl, machen wir uns nichts vor!). Verzweifelt quetsche ich mich vorbei an Wiesn-Lovern jeden Alters und Alkoholpegels. Bierflaschen auf Augenhöhe schwebend, kämpfe ich mich in den letzten Zugabschnitt vor, stark geschminkte Frauen werfen neben mir laut den Kopf zurück und lachen hyänenhaft über den Schwank des bierbäuchigen Sitznachbarn.

 

„Wiesn is‘ nur einmal im Jahr! Gell, Sabine? Gell, Herbert?“

 

Im letzten Zugabteil kann ich mich in eine Ecke quetschen – stehend natürlich (ein bisschen will ich weinen): Um mich herum ein Bild, das nicht mal die Götter wollen: Ladies im Alter meiner Mama in 20 Zentimeter hohen Lackstiefeln zum Pailettendirndl zur Lederjacke zu pinkem Lippenstift zur Lebkuchenherztasche. Lasst es Euch sagen, die Herrschaften 50+ sind als Wiesnbesucher die schlimmsten von allen! Hausfrauen, die von Null auf Hundert zum Proseccoweiberl werden und mit ihren flotten, frechen und flippig gefärbten Kurzhaarschnitten in einem dessousartigen Dirndl mit keckem bunten Brillengestell schon im Zug mit dutzenden Dosen Citysecco völlig die Sau raus lassen – „Wiesn is´ nur einmal im Jahr! Gell, Sabine? Gell, Herbert?“ Die Herberts und Werners sitzen träge und gwampert mit dem ersten Schwipps in ihren Plätzen versunken, während die Karins, Utes und Sabines sich auf ihren Sitzen partout nicht ruhig halten können. Eine der Utes fächert sich pathetisch laut und übertrieben lachend ihre alltägliche Langeweile mit einem „I mog di“- Fächer mit Spitzenrand von der Seele, während eine der Sabines gerade einer der Karins das neue Helene Fischer-Video auf dem Smartphone zeigt. „Uhh, jetzt trink ich aber nix mehr, Mädels!“, ruft Ute laut und brüllt lachend, mit der Hand auf dem mit einem „Spatzl“ Anstecker dekoriertem Riesendekolleté hinterher: „Zumindest im Zug! AHAHAHAHAHAHA!“

 

Die Hölle, das sind die anderen!

 

Karin steht hysterisch lachend auf, reibt sich mit dem Dirndlpo an einer der Utes und kreischt: „Titten, Bayern, zieh die Lederhosen aus! Sabine! Weisch noch?! Letztes Jahr auf’m Riiiiiiiesenrad!“ Ute stürmt jetzt mit einer Riesentüte Butterbrezn nach vorne zu einer Gruppe junger Burschen und wackelt mit dem Busen, reicht eine Butterbreze rüber und kommt mit Flamencobewegungen und lauten „Olé Määäääääääädels!“ wieder zu Herbert und Werner, die mittlerweile das dritte Bier aufmachen. Ute beugt sich zu den Männern und flüstert hähmisch: „Hasch des gesehen, Schatzi? Die Mädels da vorne sehen aus wie gaaaaanz billige Prostituierte! AHAHAHAHAHAHAHAHA! Gell, Karin??“

Ich kann nicht anders… ich muss lachen. Und weil ich den Mädels ihren Spaß gönnen will, packe ich mir meine Kopfhörer rein und höre auf jeden Fall nicht das neue Lied von Helene Fischer – während ich weiter Richtung München fahre und mich freue wie ein überteuertes Schnitzel mit Kartoffelsalat auf der Wiesn.

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