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Interview: Lass uns übers Vögeln reden, Erika Lust!

Erika Lust produziert feministische Pornos, die ästhetisch und hart zugleich sind – Grund genug, die Pionierin der weiblichen Pornoindustrie zum Interview zu bitten.

Erika sitzt in Barcelona, ich sitze in Freiburg. Zusammen werden wir heute über Sex, Masturbation und Feminismus reden. Denn das, was uns zwei Frauen über unsere Skype-Accounts verbindet, ist Erikas feministische Revolution in der Porno-Industrie. Die 39-Jährige ist die Pionierin von Erotikfilmen, die abseits des klassischen Mainstreams funktionieren. Feministische Pornos, wenn man sie so nennen möchte. 2004 gründete sie ihre eigene Produktionsfirma «Lust Films» in Barcelona. Ursprünglich hatte sie Politikwissenschaften mit Schwerpunkt auf Menschenrechte studiert; nun setzt sie zweimal im Monat filmisch erotische Fantasien um, die anonym auf ihrer Seite Xconfessions gepostet wurden – von Menschen wie dir und mir. Ihre Pornos sind ästhetisch, schön und hart – sie feiern regelrecht die Frau und ihre Sexualität.


Der Skype-Call Ton schallt durch mein Zimmer, ich sitze auf dem Bett mit meinem Laptop auf dem Schoß – bereit, mit einer weiblichen Pornofilm-Koryphäe über das absolut Private zu plaudern. 
Erikas Gesicht erscheint, sie sitzt vor einer schlichten Wand, die mit explizitem Bildmaterial ausgestattet ist. Eine Fotografie eines sehr nackten, sehr hübschen Frauenpopos ziert die weiße Ziegelwand, darüber hängt ein Schriftzug: „Done is better than perfekt“ Erika grinst mich an, sie wirkt sehr entspannt und lacht sofort über den platten Witz, den ich über ihre Wanddekoration reiße. Wir kichern wie Schulmädchen, die Nervosität auf beiden Seiten verfliegt. Die Hunderte von Kilometern Abstand können der Vertrautheit, die so ein privates Thema erfordert, absolut gar nichts anhaben. Herrlich. Lass uns übers Vögeln reden, Erika Lust!

 

ZEITjUNG: Erika, Du hast mal über klassische Pornos gesagt „Arousel tasted sweet – objectification tasted bitter“. Du wurdest zwar erregt, warst aber gleichzeitig angewidert. Sind deine feministischen Pornos damit so etwas wie nachhaltiges, „good feeling“ Masturbations-Material?

Erika Lust: (lacht) Oh, ich hoffe doch. Als ich meinen ersten Porno gesehen habe, gab es wirklich eine große Diskrepanz zwischen meinem Hirn, meinen Gedanken und meinem Körper. Es machte mich an – aber ich wollte auch, dass die Bilder, die ich sehe, etwas mit meinen Wünschen und Fantasien zu tun haben. Im Mainstream-Porno geht es meistens nur um Titten, Schwänze und Ärsche – „nasty“ Sex halt. Stoßen, Penetration und vor allem Körperflüssigkeiten. (gestikuliert wild, lacht wieder)

 

Es gibt eine scherzhafte Grafik, in der das Verhalten von Porno-Usern gezeichnet ist. Sie skippen die Story einmal zum Blowjob, dann zum eigentlichen „Fucking“ und am Schluss zum „Happy End“ mit viel Sperma auf dem Körper der Frau. Eine Geschichte drum herum ist nicht erforderlich. Deine Filme aber haben explizit eine Story. Kommt ein Porno denn nicht auch komplett ohne aus?

Sagen wir es so: Pornos brauchen natürlich keine Geschichte – aber ich möchte eben eine sehen. Es kommt beim Pornogucken immer darauf an, wer du bist, was du suchst und vor allem: in welcher Stimmung du gerade bist. Nicht alle Frauen wollen zu jedem Zeitpunkt das Gleiche – und Männer auch nicht. Was ich will, ist eine Geschichte über Sex zu erzählen – weil es genau das ist, was mich interessiert. Mir geht es nicht um das explizite Zeigen des Ablaufs von Sex. Ich will verstehen, was zwischenmenschlich passiert, wenn zwei oder mehr Menschen so intim miteinander sind.

 

Der Feminismus ist ja immer noch negativ konnotiert, vor allem oft von Männern. In deinen Filmen geht es aber auf jeden Fall nicht um Klischees wie Achselhaare und überdominante Frauen. Was also ist feministischer Porno?

Das, was meine Filme feministisch macht, ist nicht nur das, was vor der Kamera passiert – sondern vor allem hinter ihr. Ich als Frau habe eine ganz andere Sicht auf weibliche Lust als Männer. Meine Filmfrau zeigt mit ihrem Blick durch die Kamera etwas anderes, als es ein Mann zeigen würde. Wir Frauen am Set haben die Power, Weiblichkeit so zu zeigen, wie wir möchten. Wir können feminine Charaktere in verschiedenen Situationen zeigen – und zwar als vollwertige Menschen innerhalb einer guten Story. Starke, aber im Bett vielleicht devote Frauen. Ganz wie sich die Frau in dem Moment eben fühlt. Die Frau bekommt in meinen Filmen das, was sie möchte. Es ist feministisch, weil wir zeigen, dass weibliche Lust ebenfalls etwas zu bedeuten hat. Wir sehen Frauen nicht nur als Instrument fürs Vögeln. Der normale Porno hat den Fokus auf einem großen Schwanz und den Orgasmus des Mannes. Bei uns steht die Lust der Frau ebenfalls im Fokus.

 

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