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Job: Arbeitest du noch oder liebst du schon?

Unser Autor hat seinen Job geliebt. Sehr sogar. Und deshalb hat das Schlussmachen auch so weh getan – fast wie bei einer Beziehung.

Von S. Lie

Es war der Tag, an dem ich meine Kündigung einreichte. An diesem Tag musste ich feststellen, dass sich das ganze verdammt nach Schlussmachen anfühlte. Und da ich ein guter Kerl bin, nahm mich das mit. Ich lieb(t)e meinen Job. Es war ein Job mit Sinn. Aber wieso dachte ich über meine Beziehung zur Arbeit wie über eine Liebesbeziehung?

Es gibt meiner Meinung nach viele Parallelen zwischen unserer Liebeswelt und unserer Arbeitswelt. Das beginnt mit der zunehmenden Verschmelzung der sogenannten Work-Life-Balance und endet nicht zuletzt bei dem typisch amerikanischen I love my job. Natürlich gehen Amerikaner großzügiger mit dem für uns bedeutungsstärkerem Wort der „Liebe“ um; dass Liebesleben und Arbeitswelt aber starke Parallelen aufweisen, ist nicht mehr von der Hand zu weisen, da beide ja auch mittlerweile mit der gleichen Währung handeln, wie kürzlich eine Studie bewies.

 

Tipping Points für Erfolge

 

So könnte man zum Beispiel die Meilensteine einer Liebesbeziehung mit denen der beruflichen Laufbahn vergleichen. In jeder Beziehung gibt es Tipping Points. Der erste Kuss. Das erste Mal. Die Eltern treffen. Das gleiche gilt für die Arbeitswelt: erster Gehaltsscheck nach 10 Jahren Studium. Erste versendete E-mail ohne Rechtschreibfehler. Man spricht den Personalchef in der Küche zum ersten Mal mit dem richtigen Namen an.
Aber es gibt auch negative Wendepunkte, Momente, die das Potenzial haben, alles ins Schlechte zu stürzen und ab dort gibt es keinen Weg zurück: Das erste Mal vor dem Anderen lautstark aufs Klo gehen weil man davor zusammen lecker Sushi-All-you-can-shit Essen war. Das erste Mal die Eltern treffen. Das erste Mal.

Für mich hatten sich in meiner Beziehung zur Arbeit, nennen wir sie A., mehrere negative Tipping Points angesammelt und die Zahl der positiven nicht vermocht, zu übertrumpfen. Ich fühlte mich wie in einer Beziehung, in der ich all meine Energie, Kraft und Emotionen investierte und A. mich nicht mal mehr küssen wollte. Sex hatten wir schon länger nicht, lebten aber quasi in einer gemeinsamen Wohnung.
Und irgendwann war dann der Punkt erreicht, wo man an ein Ende denken musste.

 

Jobsuche ist wie Tinder

 

Wie ich A. kennenlernte? Ein halbes Jahr tinderte ich exzessiv am Arbeitsmarkt. Einer von uns beiden wischte in 95 Prozent der Fällen aber immer nach links. Als ich schon verzweifelt überlegte, einfach ein Leben ohne Beziehung zu führen, lernte ich meinen zukünftigen Arbeits- und Lebensunterhaltgeber doch eher zufällig kennen. Nach anfänglichem hin- und hergemaile vereinbarten wir also ein erstes Date und tauschten per Small Talk unsere Vorlieben aus und versuchten uns natürlich beide von der bestmöglichen, wenn nicht unbedingt ehrlichsten Seite zu präsentieren. Hals über Kopf wurde ich dann nach Hause eingeladen, wo es vorerst aber nicht übers Knutschen hinausging und die ersten drei Monate beziehungstheoretisch wohl eher als ‘Dating’ eingestuft worden wären (Praktikum).

Als Berufseinsteiger Ende zwanzig ist man eine 30-year-old-virgin am Arbeitsmarkt

Ziemlich schnell lernten A. und ich uns intimer kennen und hatten eine wirklich gute Zeit, in der ich A. nicht von der Seite wich und wir bis zu 10 Stunden am Tag miteinander verbrachten. Wir waren unzertrennlich. Selbst nachts träumte ich von A. und wachte am Morgen mit einer Erektion auf, denn ich wollte sie so schnell wie möglich wiedersehen und dort weitermachen, wo wir am letzten Abend aufgehört hatten. Auch wenn mich das Gefühl nie losließ, dass ich mehr investierte, als ich zurückbekam: ich war glücklich meinen Status von SINGLE auf IN EINER BEZIEHUNG auf dem Facebook der Unternehmenswelt (XING) ändern zu können und mit meinem glücklichen Mitarbeiterfoto aller Welt zeigen zu können, dass ich nun vergeben war. Als mir nach einem halben Jahr dann sogar der Ehevertrag unter den Arbeitskonditionen vorgesetzt wurde und ich für immer und ewig, bis dass der Tod uns scheiden würde, den unbefristeten Arbeitsvertrag mit A. unterzeichnete, war ich glückselig in meiner bürgerlichen Traumwelt angekommen. Das Auto und Haus könnte ich mir zwar nicht leisten, aber als Generation Y-ler legte ich auf sowas natürlich keinen Wert. Und wenn man verliebt ist, reichen ja bekanntlich Brot und Liebe aus.

Wie konnte ich also kündigen? Sagte das Liebeshoroskop unserer Beziehung nicht eine erfolgreiche Partnerschaft voraus? Nach all diesen Meilensteinen einer erfolgreichen Beziehung wagte ich es, das eingegangene Commitment einfach so über Bord zu werfen und die Scheidung einzureichen? Wie konnte ich so undankbar sein? Als Geisteswissenschaftler mit Promotion ist man ja auf dem Jobmarkt wie eine 30-year-old-virgin bei Tinder und muss für alles dankbar sein, was man abbekommt.

 

Lass uns Freunde bleiben.

 

Als für mich der Point of no return gekommen war, ich A.s Macken nicht mehr länger belächeln und als ‚süß’ abtun konnte, lag es nun daran, die richtigen Worte zu finden, um aus der Sache irgendwie glimpflich rauszukommen. Wie in einer guten Beziehung möchte man ja möglichst befreundet bleiben und sei es nur, damit die Ex nicht den zukünftigen Arbeitgebern über meine Qualitäten im Bett, bei Hausarbeiten oder versteckte Hobbies aufklärt. Ich ging die üblichen Schlussmachsprüche durch. „Ich glaube, ich will jetzt erst einmal ein Weilchen alleine sein”, mich also selbstständig machen. War auch nur halb gelogen. Aber ein Leben ganz ohne Beziehung? „Du bist einfach zu gut für mich.“ Eure Firma hat was besseres verdient als mich. Naja. „Es liegt nicht an dir, aber …“. Lag es aber doch. “Ich hab eine Neue.” Wunschdenken. Ich war auch noch nicht bereit, gleich was Neues einzugehen, die Beziehung war noch zu nah an mir, ließ mich noch nicht los. Und für berufliches Fremdgehen war ich doch zu ehrlich, wobei ich natürlich ein bisschen getindert habe, obwohl wir noch zusammen waren.

 

Das Schlussmachgespräch

 

Es kam also zum finalen Gespräch mit A.. Ich sagte eine Mischung aus alldem: dass ich nicht so weitermachen könne, dass ich keine Zukunft mehr in uns sah, aber dass ich dankbar war für alles, was sie mir gegeben hatte. Die Reaktion war natürlich verhalten, da A. bis dato eigentlich immer auf der Schlussmacherseite saß. Es war aber ein gutes Gespräch und wir beschlossen, dass wir im Guten auseinandergingen. Die Tür stände immer offen für unabhängige Rückfälle durch eine externe Mitarbeiterschaft: friends with benefits.

Am letzten Tag packte ich also meine Sachen, zwar nicht im Umzugskarton, aber ich war vergleichbar traurig. Wie sollte ich weiterleben, jetzt, wo ich einen Großteil meiner Lebenszeit hier zurückließ? Meine Kolleginnen und Kollegen kamen mir vor wie Scheidungskinder, die sich auf eine Seite schlagen mussten und die ich nicht mehr jeden Tag sehen könnte. Das Schlimmste aber war, einzusehen, dass A. auch ein Leben ohne mich haben würde. Dass A. einfach weiterlebt, auch wenn ich nicht mehr da bin und jemand kommt, der mich 1:1 ersetzen wird und die schöne Zeit, die wir hatten aus der Erinnerung gelöscht wird, wie meine Arbeitsmails aus der Cloud.

 

Sollten wir unsere Arbeit lieben?

 

Ist es nun aber gut, dass wir uns unsere Beziehung zur Arbeit als Liebesbeziehung vorstellen? Wir, die oft be- und selbst ernannte Generation Y strebt ja, so sagt man, nach einem Beruf mit Sinn. Wie Simon Sinek, TED Talker, Buchautor und Marketingguru es ausdrückt: Start with why! Sind wir also die Generation WHY, die sich nur noch auf einen Beruf einlassen kann, wofür sie auch steht, womit wir uns identifizieren, wofür wir unsere teure Ausbildung, einzigartigen Skills und rare Lebenszeit einsetzen? Unternehmen verstehen das langsam und versuchen durch Employer Branding, Couchen und Tischkickern, scheinbar flachen Hierarchien und vielem mehr sich so hip zu geben wie Start-Ups, die Victoria Secret Models der Freundinnen in der Wirtschaft. Langsam realisieren die starren Unternehmen, dass wir, die superausgebildete, superflexible, superaufopfernde Generation das ist, was sie, die alten Mitfünfziger, sich jetzt wünschen. Deswegen versuchen sie möglichst sexy und easy going rüberzukommen und uns wie eine verzweifelte Witwe in Highheels anlocken, um uns von nine to five, gerne aber auch länger, zu binden.

Die Frage ist also: ist es gut, dass wir unsere Jobs lieben? Dass wir so glücklich sind, dort zu arbeiten, wo wir arbeiten, oder unglücklich sind, wenn unser Job sich nicht mit unseren Interessen, Visionen und Ideen deckt? Vielleicht sollten wir wieder beginnen, eine Distanz zu unserer Arbeitswelt aufzubauen, Arbeit auch mal wieder richtig hassen zu können, damit wir am Ende nicht wie Romeo und Julia enden und uns die Liebe zu Kopfe steigt (und bis zum Herzstillstand führt). A., willst du mit mir gehen? Vielleicht.

 

*Für den Jobsuche=Tinder Vergleich Danke ich Fabienne Imlinger.

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