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Kenan aus dem Iran: Ein Flüchtender erzählt uns seine Geschichte

Kenan ist aus dem Iran geflohen. Unter Albträumen, Panikzuständen und immerwährender Angst um seine Familie, versucht er, nach Deutschland zu kommen.

Der Iran gleicht einem Überwachungsstaat

 

„Was meinst du, warum ich es dort nicht mehr ausgehalten habe? Der Iran ist ein islamischer Überwachungsstaat, der gegen jeden rabiat vorgeht, der sich nicht an seine Spielregeln hält. Weißt du, für mich sind alle Menschen gleich, ich halte nichts davon, Menschen nach ihrer Herkunft oder Religion zu bewerten. Ich glaube zwar an Gott, kann aber mit Religionen nichts anfangen. Mir ist es egal, ob jemand Jude, Christ oder Moslem ist. Diese Ansicht kommt in meiner Heimat allerdings nicht gut an. Immer wieder habe ich mich mit vermeintlichen Autoritäten angelegt, weil ich mit deren Schubladendenken nicht klar gekommen bin, habe mit dem Islam komplett gebrochen. Aus diesem Grund wurde ich auch von der Uni geschmissen, zwei Jahre, nachdem ich mein Elektrotechnik-Studium begonnen habe. Meine akademische Laufbahn war beendet – und zwar überall, weil mich keine Uni im ganzen Land mehr aufnahm. Sie haben wahrscheinlich einen dementsprechenden Vermerk in meiner Akte gemacht. Als es immer offensichtlicher wurde, dass ich mich von den Gepflogenheiten, die die islamische Revolution mit sich gebracht hatte, distanzierte, war ich eigentlich erledigt. Unser Haus war verwanzt, mein Handy wurde überwacht. Mein Cousin, mit dem ich aufgewachsen bin, der wie ein Bruder für mich war, sprach kein Wort mehr mit mir, Menschen, die ich für Freunde gehalten habe, kehrten mir den Rücken zu, wenn sie mich sahen. Aus Scham oder Angst, mich zu kennen. Der Iran ist keine islamische Republik, Dennis, sondern eine islamische Diktatur!

Ich will von ihm wissen, wie der Staat mit Menschen, die – aus unserer Sicht absurden – Gesetze brechen, umgeht. „Eines Tages ging ich über die Straße“, erinnert er sich. „Plötzlich hielt ein Auto neben mir an, Männer stiegen aus, warfen mich hinein und stülpten mir einen Sack über den Kopf. In einem Kellerraum nahmen sie mir den Sack ab. Überall an den gefliesten Wänden war Blut zu sehen, wobei ich davon ausgehe, dass es sich hierbei nicht um menschliches Blut, sondern um Tier- oder Kunstblut handelte. Mir wurde deutlich gemacht, was mit Leuten passiert, die sich nicht regelkonform verhielten. Es war eine Maßnahme, die zur Abschreckung dienen sollte, meinen Fluchtwunsch aber endgültig manifestierte. In solch einem Land wollte ich nicht länger leben.“ Kenan trinkt einen Schluck Wasser und sinkt in sich zusammen, sein Blick schweift durch das Wohnzimmer und bleibt an unserem Weihnachtsbaum hängen, der offenbar ein ganz besonderes Gefühl der Geborgenheit, der Unbekümmertheit versprüht. Er schluchzt und schaut mir direkt in die Augen. „Ein schöner Baum“, stellt er fest, in der Annahme, nicht meine Eltern, sondern ich sei für die reichhaltig geschmückten Tannenzweige verantwortlich.

 

Das Gefühl, die Familie vielleicht nie mehr wieder zu sehen

 

„Ich konnte mit niemandem darüber sprechen, dass ich den Entschluss gefasst hatte, zu fliehen“, fährt er fort. „Im Januar erklärte ich meiner Mutter und meiner kleinen Schwester, dass ich für ein paar Tage in die Türkei fahren wolle. Ich gab an, dort ein paar Besorgungen zu machen. Kleidung beispielsweise ist um einiges billiger dort als im Iran. Nachts packte ich meine wichtigsten Sachen zusammen, in dem Wissen, meine Familie vielleicht niemals wieder zu sehen.“ Er hält inne, kämpft gegen die Tränen an und räuspert sich. „Als ich an der Grenze ankam und meinen Pass vorzeigte, fragte mich der Beamte, warum ich ausreisen will. Ich tischte ihm dieselbe Geschichte auf, die ich meiner Familie erzählt hatte, aber er lachte nur. ‚Wir wissen, dass Sie nach Deutschland wollen!’, sagte er.“ Wieder verziehen sich seine Mundwinkel in einem Anflug von Zynismus: „Sie wissen alles.“

Er fährt sich durch das dichte dunkle Haar und beginnt, von seiner Odyssee zu berichten. „Den Großteil meiner Reise habe ich zu Fuß zurückgelegt. Zum Glück hatte ich etwas Geld gespart. Deshalb konnte ich zwischendurch auch mal ein Busticket kaufen oder mit dem Schiff reisen. Ich kam nach rund fünf Tagen in Griechenland an – mit einem Schlauchboot, ganz klischeehaft. Erst als ich europäischen Boden betreten hatte, wollte ich meine Familie über mein wahres Vorhaben informieren. Du kannst dir bestimmt vorstellen, dass meine Mama viel geweint hat und mich von einer Rückkehr überzeugen wollte. Dafür war es aber bereits zu spät, als ich die iranische Grenze überquert hatte. In Griechenland wurden wir registriert. Es war die erste Registrierung von gefühlten 50, die noch folgen sollten. Natürlich wollten die meisten in Richtung Norden weiter. An die Durchquerung von Mazedonien, Serbien und Kroatien kann ich mich kaum erinnern, weil alles verschwimmt. Man verliert das Gespür für die Zeit komplett, ich musste ständig nachschauen, welcher Wochentag ist. Wir kamen kaum dazu, zu schlafen. Dann erreichten wir Slowenien.“

Wie es weitergeht mit Kenan und seiner Reise nach Deutschland, erfahrt ihr bald auf ZEITjUNG.de

 

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