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Künstler, die wir lieben: Josin

Josin produziert mit organischen Beats und einer Stimme wie einem klaren Gebirgssee Musik, von der wir nicht genug kriegen können. Wir trafen sie in Paris.

Eigentlich sollte sie Richard heißen. Die Eltern, beide Opernsänger, wollten ihrem Sohn den Namen des Komponisten Richard Strauss geben – bis dann bei der Geburt plötzlich ein Mädchen auftauchte. „Keine Ahnung, was genau an meinem Ultraschallbild männlich aussah“, lacht Josin, die dann kurzerhand Arabella genannt wurde, nach der Strauss’schen Lieblingsoper ihrer Eltern. Opern schreibt sie keine, aber klassisch ist ihre Musik schon auf eine Weise: geerdet, roh, unverfälscht. Pur.

 

Das Leben der anderen

 

„Wenn ich mich gegen die Musik entschieden hätte, hätte ich dieses Leben immer vermisst“, sagt Bella heute. Wir sitzen in einem kleinen Café am Fenster, direkt am Kanal. Paris ist in diesem Winter kalt und in einen sandigen Nebel gehüllt. Oder, wie sich später herausstellt: größtenteils Smog. Das Leben der anderen wäre für Bella, die mir jetzt in schwarzem Pulli und losem Zopf gegenübersitzt, das der Ärztin gewesen. Aber ein Jahr Medizinstudium in Frankreich hat gezeigt, dass in diesem Leben kein Platz mehr für die Musik gewesen wäre, zeitlich wie gedanklich. Das Handwerkliche reizte sie. Doch statt Chirurgin – „Ich liebe Basteln“, lacht Bella und verrät mir, sie könne „extrem gut mit der Heißklebepistole“ – ist sie jetzt also Musikerin und kann ihren taktilen Drang als Multiinstrumentalistin ausleben. Und operiert mit ihrem Sound am offenen Herzen.

 

Poetisch, rhythmisch, elementar: Musik wie ein klarer Bergsee

 

Josins Musik ist elementar, mit einfachem Equipment aufgenommen und dabei unglaublich vielschichtig. Sie atmet, pulsiert: Strecken ruhiger Sequenzen, dann ein drängender Bass, reduzierte Texte, und über alles legt sich diese Stimme – unaufdringlich und gerade deshalb zieht sie einen in eine Art Sog. Hätte ihre Musik eine Temperatur, wäre sie definitiv kühl und klar wie ein norwegischer Bergsee. „Das kann dann auch erstmal etwas ungemütlich sein, glaube ich“, sagt Bella und nennt ihre komplexen Klangstrukturen liebevoll „Soundwurst“. Wir lachen. Das wird der organischen Poetizität ihrer Musik irgendwie nicht ganz gerecht, Josins Soundwurst. Denn künstlerisch oszilliert sie zwischen klassisch und elektronisch und reiht sich damit ziemlich gut neben RY X ein, als dessen Support sie diesen Winter durch Europa tourte und mit dessen Label Dumont Dumont sie jetzt zusammenarbeitet. Nach „Evaporation“ ist eine zweite EP für Frühjahr 2017 geplant.

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