AlltagFamilieIdeeKreativitaetLangeweileStille

Langeweile: Haben wir das Nichtstun verlernt?

Bedeutet Langeweile auch gleich Zeitverschwendung? So wie wir das Nichtstun verlernt haben, könnten wir es auch wieder üben – es lohnt sich!

Immanuel Kant nannte es „das Vorgefühl eines langsamen Todes“, Kierkegaard sah darin sogar die „Wurzel alles Bösen“. Vielleicht werden manche kollektiv verhasste Gefühle einfach unterschätzt. Nein, die Rede ist nicht von Neid oder Liebeskummer – die sind absolut zu Recht unbeliebt. Es geht um Langeweile. Hm, scheiße, das war jetzt nicht gerade eine schmissige Einleitung. Irgendwie öde. Aber darum geht es ja immerhin. Ja, ich weiß, was ihr denkt: gähn. Aber gebt der Langeweile (und diesem Text) eine Chance. Es lohnt sich.

 

Haben wir das Nichtstun verlernt?

 

Ich habe in letzter Zeit sehr viele – unfreiwillige – Erfahrungen mit Langeweile gemacht. Erst ist die Kniescheibe rausgeflogen, Knochenabsprengung, Kreislaufprobleme. Ein Wochenende lang saß ich untätig zu Hause rum und hatte absolut nichts zu tun. Eigentlich ein paradiesischer Zustand, zwei Tage bevor das neue Semester mit Referaten, Textzusammenfassungen und Hausarbeiten wieder auf einen einprügelt, aber stattdessen: unsägliche Leere, ich war lethargisch, fühlte mich komplett nutz- und wertlos. Ich tigerte wie ein nervöser Zirkustiger in der Wohnung auf und ab, versuchte mich daran zu erinnern, was man in so einem Fall als Kind immer gemacht hatte, musste allerdings schnell feststellen, dass mir für spontane Gegengiftaktionen wie Höhle bauen sowohl 1,40m kleine Kameraden als auch die Zahnlücken fehlen und begann mich dann nach dem 63. wie ferngesteuert angeklickten Youtube-Filmchen zu fragen, ob wir das Nichtstun vielleicht verlernt haben.

Der Protagonist in Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit wäre gerne Schriftsteller, aber körperliche Wehwehchen und chronisch-lethargische Trägheit hindern ihn daran, das literarische Meisterwerk zu schreiben, das er schon immer schreiben wollte. Klingt irgendwie seltsam vertraut… Machen wir uns also auf die Suche nach der vergeudeten Zeit.

 

Stillstand ist das Schlimmste

 

Weil ich mit meiner Kniebandage durch die Gegend humpele wie ein betrunkener Pirat, sehe ich mich als chronischer Treppengänger gezwungen, immer die Rolltreppe zu nehmen. Die Zeit dehnt sich plötzlich unendlich. Ich werde unruhig, meine linke Hand kramt hektisch in der Jackentasche nach dem Smartphone, mit dem sich diese sonst komplett vergeudeten achtzig Sekunden irgendwie überbrücken lassen.

Durchgefallen. Ich scheitere selbst am kleinsten, faden Hindernis. Zu dieser gähnenden, alles verschlingenden Leere, von der Kant und Kierkegaard sprechen, kommt es heute oft gar nicht erst, schließlich wird jeder noch so zarte Anflug von Langeweile sofort weggeklickt. Bei der leisesten Vorahnung von Unterbeschäftigung, und sei es auch nur für drei Minuten, während deine Begleitung auf der Bartoilette verschwindet, wird das Handy gezückt. Eine unkontrollierbare Reaktion, mittlerweile fast zuverlässiger als der Kniesehnenreflex. Du bist, was du tust, wir sind eben eine Leistungsgesellschaft, wenn auch eine recht oberflächliche. Wir wollen immer mehr und können es nicht ertragen, nichts zu tun, denn das würde uns als handlungsbegabte Wesen entwerten. Wir wissen nicht immer, wo wir hinwollen, aber sind uns sicher, nichts ist schlimmer als der Stillstand, die Leere. Also füllen wir jede Minute krampfhaft mit irgendwas, und sei es nur das bedeutungslose Herumwischen im leblosen Licht von 3,5 Zoll. Wir bauen uns einen Schutzwall, wappnen uns gegen die Langeweile.

Wir wollen ihr nicht mehr tatenlos ins graugähnende Auge blicken, aber: Leerläufe sind wichtig, sagt die Forschung. Vor allem für die Kreativität. Es knallt sich nun mal nicht eine grandiose Idee an die andere. „Einer der Gründe, warum viele Kinder und Jugendliche nichts mit sich anzufangen wissen, ist paradoxerweise, dass sie sich noch nicht genug gelangweilt haben“, erklärt Linda Caldwell von der Penn State University.

 

Langeweile analog, Langeweile hardcore

 

Das trifft sich gut, über Ostern erwartet mich nämlich der ultimative Langeweile-Härtetest: 12 Tage bei der Familie in Frankreich, ohne die multimedialen Wundermittelchen der Zerstreuung – kein Handyempfang, keine Internetverbindung, nicht einmal Telefonanschluss. Langeweile analog und hardcore. Ablenkung nur durch diese schweren Dinger, die früher mal so in Mode waren… wie hießen die noch gleich? Achja. Bücher. Die besten Spiele meiner Kindheit sind wahrscheinlich aus lethargischer Langeweile heraus geboren, nicht wenige davon in unserem persönlichen Kingdom of boredom in Frankreich. Heute merke ich, wie ich mich ohne Ablenkung viel besser konzentrieren kann – und bin deshalb paradoxerweise weniger gelangweilt als mit.

Die besten Ideen hat man doch meist, wenn die Gedanken über einer langweiligen weil routinierten Arbeit abschweifen. Wahrscheinlich wurden die Van Goghs und Goethes unserer Zeit auch erst tätig, als sie sie von der bitteren Ödnis kosten mussten, wer weiß, vielleicht sind ja wir Menschen nur erschaffen worden, weil es Gott irgendwann einfach fad wurde im Himmel, mit all den schnöden pausbackigen Engeln. Und zefix, immer nur Hosianna.

 

Aus der Flaute entstehen die Wendungen

 

Doch wir haben Angst, einmal stillzustehen, innezuhalten und vergessen darüber, dass gerade aus der Flaute oft die größten Wendungen entstehen. Und genau in dieser Angst vor der langen Weile finden wir die verlorene und vergeudete Zeit, da sitzt sie, versteckt irgendwo zwischen Videos von niesenden Pandas und dem nächsten Geistesblitz. Langeweile allein bedeutet nicht gleich Zeitverschwendung. Und so wie wir das Nichtstun augenscheinlich verlernt haben, könnten wir es vielleicht auch wieder üben. Einfach mal die Rolltreppe nehmen (es muss sich dafür auch keiner extra die Kniescheibe rausballern), sich gepflegt langweilen, und lernen, im Ernstfall mit sich selbst klarzukommen, und zwar nur mit sich selbst.

Also, auf die Langeweile, ran an den Speck! Wer sich mit diesem Text und den öden Details aus meiner Krankenakte noch nicht genug gelangweilt hat, dem empfehle ich einen Aufsatz über Peter Szondi und den hermeneutischen Zirkel. Ich für meinen Teil habe mich fürs Erste genug gelangweilt. Ich fange jetzt im proust’schen Stile endlich diesen Artikel an, den ich immer schon mal schreiben wollte (sollte). Es geht um Langeweile…

Kommentare

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren