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Eine Liebeserklärung an: Paris

Estelle ist in Paris verwurzelt. Auch am Freitagabend war sie da. Sie ist persönlich von den Anschlägen betroffen. Ihre Liebeserklärung an Paris.

Von Estelle Adeline

Wenn es mir nicht gut geht, schließe ich oft die Augen. Ich ziehe die Tür zur Realität sachte zu und verschwinde. An einen ganz besonderen Ort, an dem ich leicht werde vor Glück. An einen Ort, der mein Herz in die Hand nimmt und seine Seele um meine Schultern legt. Die gepflasterten Straßen dort sehen aus, als hätte Claude Monet sie einzeln bemalt. Ich sehe ihn fast dabei schmunzeln. Weiches Grau, zartes Blau, sanftes Rosa spielt Mosaik unter meinen Schritten. Befreites Lachen weht wie Fahnen aus den voll besetzten Cafés, in denen in zierlichen Tassen duftender Café gerührt wird. Blicke, Worte, Musik hängen in der Luft und treiben sorglos durch die vom Alter glattgelaufenen Gassen.

Die Stadt ist bunt, ein stolzes Bunt aus Sprachen, Kulturen und Geschichte. Menschen schreiben, lachen, zetern, über sich und alle anderen. Und stehen dazu. Keiner hat ein Auto, kauft aber immer den besten Wein. Stau gibt es dennoch auf den großen Boulevards, denn beim Hupen lässt es sich herrlich fluchen. Kinder tollen auf leuchtenden Grünflächen herum, Paare vergessen auf Parkbänken eng umschlungen die Zeit. Alte Männer in karierten Hemden spielen unter Laubdächern Boule auf ihren Sandbahnen und unten in der Metrostation spielt ein Streichquartett Bach.

 

Wo man nachts am Wasser unter Lampions tanzen kann

 

Ich weiß, in welcher Bar die Abendsonne am längsten scheint. Ich weiß, wo der Bäcker schon um drei Uhr nachts duftendes Brot verkauft. Wo es richtige Croissants gibt, bei denen die Papiertüte durchsichtig wird, bevor man den Laden verlässt. Ich weiß, an welcher Straßenecke die alte Frau mit dem blauen Kopftuch lebt und dass sie sich so über frischen Kaffee freut. Ich weiß, wo meine Großmutter meine Mama im Kinderwagen spazieren geschoben hat. Und welches Lied sie dabei gesummt hat. Ich habe Paris nicht nur im Herzen, sondern unter der Haut. Paris fließt in meinen Adern und durch meine Gedanken. Es ist nicht nur eine Stadt, sondern ein ganz besonderes Lebensgefühl.

 

Paris wankt unter der Last

 

Manche Menschen gehen jedoch mit einem anderen Gefühl durch die Straßen von Paris. Über die zart blauen Pflastersteine. In die Bar, an der abends so lange die Sonne scheint. In die Straße, in der es die besten Croissants gibt. In die Metrostation, in der das Streichquartett spielt. In ihren Herzen ist es nicht hell, sondern rabenschwarz. Sie lachen nicht, sie schießen. Hochkonzentriert, auf einen nach dem anderen. Sie färben die Straßen der Stadt neu. Nicht Pastellfarben, sondern rot. Viele Mädchen lassen ihre Haare nie mehr im Wind wehen. In vielen Boulangeries werden die Croissants morgens kalt. Die Parkbänke bleiben leer, die Boulevards grau und still. Kein Lachen dringt aus den Cafés, und kein Glitzern funkelt nachts stündlich über die Dächer. Paris blutet, für seine Menschen, für sein Lebensgefühl, für seine Freiheiten. Paris leidet, mit und für seine Opfer, vor Schmerz, Schuldgefühlen und Fassungslosigkeit.

Die Stadt der Liebe trägt schwarz und durch die alten Straßen schwingt tiefe Trauer. Angst und Terror sind ein mächtiges Paar. Viele haben sie in ihrer Macht seit dieser dunklen Nacht. Nehmen ihnen das leichte Lebensgefühl, das befreite Lachen, die lebensfrohe Musik und tauschen sie aus. Gegen Fremdenhass, Blindheit und Zorn. Schuldgefühle werden weitergeschoben, Schuldige werden gesucht. Paris wankt unter der Last der letzten Tage. Unter den kämpferischen Parolen der eigenen Regierung, den abertausenden Blicken aus der ganzen Welt und unter den vielen Tränen.

 

Paris nicht der Angst überlassen

 

Ja, Paris wankt. Aber es fällt nicht. Und das wird es nie. Denn es lebt in unzählbaren Herzen, die es so leicht macht wie meines. Es lebt in unzählbaren Gedanken, die Menschen entführen in bunte Straßen voller Lebensfreude. Die Menschen daran erinnern, wie die Seine in der Sonne glitzert. Wie alte Männer Boule spielen und Geiger Metrostationen mit Musik füllen. Wie frische Croissants duften, wie der Eiffelturm funkelt, wie es wahr ist, was Baudelaire schrieb und wie unfassbar leicht einem das Herz wird, wenn man es für immer dort gelassen hat. Wenn wir alle Paris das zurückgeben, was es uns geschenkt hat, wenn wir Paris nicht der Angst überlassen und wenn wir uns an der Hand nehmen, um gemeinsam stark zu sein – dann machen wir Paris wieder bunt. Dafür schließe ich die Augen, und erzähle allen von meinem Paris.

Bild: Estelle Adeline

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