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Introvertiertheit: Lob den Leisen

Die Welt gehört den Lauten. Den Schaumschlägern, Angebern und Selbstdarstellern. Das sollte nicht so sein. Ein Plädoyer für die Introvertiertheit.

Stille ist etwas sehr Schönes. Sie ist seltener geworden in unserer hektischen Zeit. Umso mehr genießen wir die Ruhe nach einem anstrengenden Arbeitstag oder einer lauten Party. Stille ist wie Urlaub fürs Gehirn. Warum also mögen wir Stille, finden aber stille Menschen seltsam?

Vermutlich, weil unsere Gesellschaft ganz und gar auf Extrovertierte zugeschnitten ist. Das sind diejenigen, die auf Partys gerne Gesprächsführer sind, dominant auftreten und aktiv auf Menschen zugehen. Sie sind selbstbewusst, risikofreudig und stehen gerne im Mittelpunkt. Extrovertierte „empfinden es als belebend, wenn um sie herum viel passiert“, sagt die Kommunikationsexpertin Dr. Sylvia Löhken. Und: Sie haben es leichter im Leben. „Der Idealmensch unserer Zeit ist gesellig, risikofreudig, ein Alphatier. Er arbeitet gut im Team, ist gern unter Leuten, hat ein großes gesellschaftliches Netzwerk. Hauptsache, nicht allein sein“, schreibt Kerstin Kullmann im SPIEGEL. Gerade im Beruf ist das Geselligsein – und das Lautsein –  ein unschlagbarer Vorteil; eine Studie aus dem Jahr 2002 beweist zum Beispiel, dass es für extrovertierte Menschen sehr viel einfacher ist, eine Führungsposition zu erreichen. Das hat sich herumgesprochen. Schon Achtklässlern wird eingebläut, sich beim Bewerbungsgespräch zielsicher aufzuplustern – und im Zweifelsfall auch ein bisschen zu mogeln. Mit Erfolg: „Viel zu oft erlebe ich, dass Firmen ihre Bewerber und Mitarbeiter nicht nach Leistung und Seriosität beurteilen – sondern nach dem Getöse ihres Auftritts“, berichtet der Karriereberater Martin Wehrle, „Rhetorik schlägt Redlichkeit.“

 

Der Fehler im System

 

Schlechte Karten also für die Leisen unter uns. Die Leisen, das sind die Spaßbremsen. Das sind diejenigen, die statt zu clubben lieber zuhause ein Buch lesen und auf Homepartys stundenlang mit dem Haustier des Gastgebers spielen, um sich ja nicht mit den Anwesenden unterhalten zu müssen. Es sind die Energielosen, die Schüchternen, die Weirdos. Introvertiertheit ist in unserer Gesellschaft keine reine Persönlichkeitseigenschaft, sondern ein Makel, ein Fehler im System. „Eltern machen sich Sorgen, wenn sie den Eindruck haben, dass der eigene Nachwuchs zu wenig lautstark und durchsetzungsfähig ist. Wer in sich gekehrt ist, ruhebedürftig oder gar scheu, der wird es, so fürchten sie, schwer haben im Leben“, schreibt Kullmann. Alarmierend, wenn wir schon unseren Sprösslingen einreden, dass nur die Lauten im Leben gewinnen.

Dabei machen Introvertierte etwa die Hälfte der Bevölkerung aus und sind damit wirklich nicht die exotischen Wesen, zu denen sie gerne erklärt werden. Zwar ist jeder Mensch laut Persönlichkeitsforschung eine Mischung aus den beiden Extremen extrovertiert/introvertiert, zeigt aber dennoch eine mehr oder weniger deutliche Tendenz. Diese lässt sich mithilfe einer Psychoanalyse oder durch einen Test herausfiltern. Der Schweizer Psychiater C.G. Jung war 1921 der Erste, der über die „Introversion“ schrieb: Er erklärte dieses Phänomen als „Hinwendung der psychischen Energie nach Innen“. Oder besser: Während Extrovertierte soziale Kontakte und gesellschaftlichen Austausch nutzen, um sich zu entspannen, brauchen Introvertierte regelmäßige soziale Ruhephasen, in denen sie Zeit für sich selbst benötigen. Das heißt allerdings nicht automatisch, dass sie unsozial sind. Introvertierte bevorzugen lediglich kleinere Gruppen und fühlen sich deshalb auf großen Partys schnell unwohl. Woran das liegt? Die Hirnforschung hat eine Antwort darauf: Viele introvertierte Probanden zeigten in Versuchen eine sehr hohe Hirnaktivität – unabhängig davon, ob sie arbeiteten oder sich ausruhten. „Introvertierte, so die Entdeckung, sind häufig auch dann neuronal stimuliert, wenn sie keine Reize von außen empfangen. Wegen dieser von Natur aus höheren Gehirnaktivität haben die Stillen offenbar ein stärkeres Bedürfnis, sich gegen Reizüberflutung abzuschirmen.“, so der SPIEGEL.

 

Ein Käfig voller Brüllaffen

 

Das bietet natürlich Raum für Konflikte. Wenn Extrovertierte und Introvertierte ungebremst aufeinander prallen, kommt es schnell zu Missverständnissen und Streitigkeiten. Dem Introvertierten ist der Extrovertierte zu laut, zu selbstdarstellerisch, zu dominant. Der Extrovertierte empfindet den Introvertierten als langweilig, verkopft und unbeholfen. „Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich in einem Käfig voller Brüllaffen sitzen“, sagt Hannah*, „Alle reden durcheinander, keiner hört dem anderen zu, und eigentlich interessiert es auch niemanden, was der andere sagt. Das nervt.“ Hannah war schon immer die Ruhige. Sie steht ungern im Mittelpunkt, beobachtet lieber, anstatt sich einzumischen. „Dabei langweile ich mich auch nicht“, sagt sie. „Aber das scheint andere zu stören.“

„Wieso gehe ich denn auf eine Party, wenn ich mit niemandem reden will?“, entgegnet Laura*. Laura spricht schnell und lacht viel. Sie mag es, wenn sie unter Leuten ist – the more, the merrier. Eigentlich ist sie schon seit der Grundschule mit Hannah befreundet, und zu zweit sind die beiden ein Herz und eine Seele. Sobald aber ein größeres gesellschaftliches Event ansteht, funktioniert gar nichts mehr. „Ich bin es leid, dass sie dann immer den Trauerkloß spielen muss“, sagt Laura. „Das verdirbt mir die Laune.“ „Und mir verdirbt es die Laune, wenn mir ständig jemand sagt, dass ich doch auch mal was sagen soll!“, kontert Hannah. „Ich mag es halt nicht, ständig nur über so oberflächliches Zeug zu reden. Da bin ich lieber still.“

 

Einstein, Proust, Merkel: alle introvertiert

 

Zugegeben, Hannah und Laura sind ein echtes Extrembeispiel. Ihre Persönlichkeitsmerkmale sind vielleicht schlichtweg zu verschieden, um eine konfliktfreie Freundschaft zu führen. Eigentlich nicht weiter schlimm. Allerdings ist es offensichtlich, dass unsere Gesellschaft in erster Linie die Selbstdarsteller fördert – und die Leisen behutsam, aber vehement in die Ecke drängt. Die amerikanische Autorin Susan Cain hat diese Tatsache zum Gegenstand ihres Bestsellers Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt gemacht und stellt sich gegen eine Bevölkerung voller Selbstdarsteller: „Uns wird eingeredet, dass Menschen von Bedeutung eine forsche Art haben müssen, dass Glück mit Kontaktfreudigkeit einhergeht“, schreibt sie. „Doch wir begehen einen großen Fehler, wenn wir das Ideal der Extraversion so einfach übernehmen.“ Immerhin haben auch Introvertierte einzigartige Fähigkeiten, die sich nutzen lassen. „Sorgfalt, Analyse, Konzentration – das sind die Stärken der Stillen“, so Cain. „Warum geben wir ihnen trotzdem immer wieder das Gefühl, nicht gut genug zu sein?“

„Intros haben ganz eigene Stärken“, sagt auch Löhken. Und dass sich Introvertierte nicht als Führungskraft eignen, sei ein großes Missverständnis: das Bedürfnis nach Sicherheit sei gerade im Job oft sehr nützlich. Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist Angela Merkel. „Eine typische Intro“, sagt Löhken. Außerdem in der Riege der Introvertierten: Albert Einstein, Marcel Proust, Bill Gates und Steven Spielberg, um nur einige zu nennen.

Es wird Zeit, den Introvertierten mehr Aufmerksamkeit, vor allem aber auch mehr Verständnis zu schenken. Das fördert ein harmonischeres Miteinander – und verbessert vielleicht sogar die Welt. Denn, so Cain: „Wenn wir davon ausgehen, dass stille und laute Menschen in etwa dieselbe Anzahl an guten oder schlechten Ideen haben, dann sollte der Gedanke, dass nur die lauteren und energischeren Menschen sich durchsetzen, uns besorgt aufhorchen lassen.“

 

*Namen von der Redaktion geändert.

 

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Bildquelle: Doug Robichaud unter CC0 1.0

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