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In der Mitfahrgelegenheit mit einem Fetisch-Fan

Die eigene Prüderie vor Augen geführt zu bekommen, kann schmerzhaft sein – wenn der fremde Fahrer mehr von sich preisgibt, als man eigentlich wissen möchte.

München-Berlin, Wien-Hannover. Fremde Autos, unbekannte Menschen, das Gefühl, endlich ankommen zu wollen oder am liebsten nie: Das ist das nur zu bekannte Prinzip Mitfahrgelegenheit, das wie eine Art Alltagsroulette mal für heiße Nummern auf dem Rücksitz sorgt (solls auch geben…) und mal nicht mehr und nicht weniger ist als die billigste Fahrt zur Hölle. Von diesen Geschichten und vor allem denen dazwischen, von den kuriosesten Erlebnissen, von Schlagabtäuschen bei 120 auf der Autobahn und absurden Bekanntschaften erzählen wir in unserer Kolumne „In der Mitfahrgelegenheit mit…“. Dieses Mal: Ein Fetisch-Fan am Steuer.

Das folgende Erlebnis ist subjektiv und gekürzt wiedergegeben und beruht auf meiner Erinnerung.

 

Die Strecke von München in meine norddeutsche Heimat ist lang. 633 Kilometer, um genau zu sein. Noch ein Grund, weshalb ich die Fahrt nicht oft auf mich nehme. An schlimmen Tagen verwandelt sich die A7 in einen riesigen Parkplatz. An ganz schlimmen Tagen erlebt man diese endlosen Staus in Gegenwart eines ehemaligen Profisportlers mit pikanten Vorlieben.

Bei Mitfahrgelegenheiten habe ich es mir zu eigen gemacht, immer hinten rechts im Auto sitzen zu wollen. Dort ist man weder in der Unterhaltungspflicht wie auf dem Beifahrersitz, noch dokumentiert der Rückspiegel die im Schlaf gezogenen Spuckefäden.

 

Quiztaxi mit Ralf

 

Irgendeine Familienfeier stand vor der Tür und somit auch der Horrortrip durch den Wochenend- und Pendlerverkehr. Kurz vor Nürnberg stehen wir bereits das erste Mal. Unser Fahrer Ralf* blickt grinsend aus dem rechten Seitenfenster, schüttelt den Kopf, schaut wieder auf die Fahrbahn, rollt minimal vor, blickt wieder aus dem Seitenfenster. Sein Blick hat etwas Verträumtes, wirkt gleichzeitig aber ein wenig wahnsinnig. Er kaut auf seiner Unterlippe und beginnt schließlich schallend zu lachen. Mit dem Ellenbogen trifft er das Mädchen auf dem Beifahrersitz „Weißt du, was da hinter dem Seitenstreifen ist?“ Das Mädchen blickt ihn irritiert an. Offensichtlich ist es ihr auch lieber, die Fahrt schweigend hinter sich zu bringen. Er nickt ihr aufmunternd zu, wie ein Biologielehrer à la „Na komm, du kennst die Antwort!“ In diesem Moment habe ich noch keine Ahnung, wie biologisch es tatsächlich noch werden würde.

 

„Der beste Swingerclub in ganz Süddeutschland“

 

Um die unangenehme Stille zu unterbrechen, versuche ich also mein Quizglück: „Ein Autokino?“ Etwas Nichtigeres fällt mir nicht ein. „Oh ja“, seufzt Ralf „Filme schauen kann man da auch.“ Die Beifahrerin legt ihren irritierten Blick gar nicht ab, dreht sich aber langsam zu mir um. Ihre Reaktion quittiere ich nur mit einem Schulterzucken. „Na gut Mädels, ihr kommt ja eh nicht drauf. Dort befindet sich der beste Swingerclub in ganz Süddeutschland.“ Die Freude, mit der er diese Nachricht verkündet, lässt vermuten, dass er nur irgendwas Witziges sagen wollte, um das Eis zu brechen. Also antworte ich der Situation angemessen zynisch: „Hmhm, die sollen dort ja auch ganz tolle Pommes verkaufen.“ Erstaunlich ruckartig wendet Ralf seinen Blick von der Fahrbahn auf die Rückbank. Merke: Zu dem Platz hinten rechts ist der Blickkontakt bedeutend einfacher hergestellt als zum Platz hinten links. Zeit, die eigenen Platzpräferenzen neu zu überdenken „DU GEHST DA ALSO AUCH HIN?“ Mit dieser Reaktion habe ich nicht gerechnet. Ebenso wenig mit Ralfs feuchter Aussprache. Während ich also unauffällig nach dem Schal der Beifahrerin taste um mein Gesicht zu trocknen, suche ich nach Anzeichen der Ironie in Ralfs Mimik. Nichts: Kein Zucken, kein Zwinkern – sein voller Ernst!

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