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Wie ich nach Namibia ging und ein Kuriositätenkabinett fand

Unsere Autorin stand in Namibia in einem Museum, das von Nordkoreanern gebaut wurde und noch immer ein Deutschland zeigt, das in Ost und West geteilt ist. Say what?

Von Leonie Haberlander

 

Golden glänzend thront es auf einem Hügel – drei dicke Pfeiler, dazwischen schwebt ein Zylinder: das Independence Museum, mitten in Windhoek, der Hauptstadt Namibias. Wie ein Goldzahn sieht es aus, oder – so sagen die Locals – wie eine Kaffeemaschine. Auf drei Etagen soll hier der „Liberation Struggle“ der Namibier gegen verschiedene Vorherrschaften der letzten Jahrhunderte dargestellt werden. Gebaut, gefüllt und bezahlt wurde es von Nordkoreanern. Komplett. Nordkoreanische Bauarbeiter wurden eingeflogen, um hier Stein auf Stein zu setzen – und der nordkoreanische Kurator hatte bei allen Entscheidungen das letzte Wort. Aber warum?

 

Namibia und Nordkorea sind gute Freunde

 

Politisch macht das hier in Namibia auf absurde Weise irgendwie Sinn. Nordkorea war ein großer Unterstützer der namibischen Unabhängigkeitskämpfe gegen das südafrikanische Apartheidregime und seitdem verbindet beide Staaten eine enge und besorgniserregende Freundschaft. Was allerdings so gar keinen Sinn macht, ist dieses Museum. Vollgestopft mit zusammenhangslosen Artefakten, die irgendwann einmal ausgegraben wurden (was ein Topf mit der Unabhängigkeit Namibias im 20. Jahrhundert zu tun hat, möge mir bitte jemand erklären), und zahllosen Fotografien von namibischen Freiheitskämpfern, die völlig unabhängig von chronologischen Sortierungsmaßnahmen die Wände zieren.

 

 

Doch während diese willkürlich zusammengewürfelte Mischung aus Fotos und Artefakten höchstens für Verwirrung sorgt, so sorgen andere Räume für Gänsehaut. In einer obskur beleuchteten Höhleninstallation schaukeln Ketten von der Decke und Reliefs verdrehter Menschenkörper bedecken die Wände. Ein paar Schritte weiter ziert ein meterhohes Gemälde die Raumwand. Darauf eine Darstellung des Cassinga Massakers, bei dem 1978 zahlreiche Namibier umkamen – darunter der Großteil Zivilisten. Die südafrikanischen Streitmächte hatten einen Luftangriff auf ein Flüchtlingscamp in Angola unternommen, in der Annahme es sei eine militärische Basis. Und in der Darstellung dieses Grauens hat irgendein nordkoreanischer Künstler wirklich sein Meisterwerk geschaffen. Alle Register wurden gezogen, um dem Museumsbesucher den Angriff in all seinem Schrecken vor Augen zu führen: Schreiend sich windende (perfekt geformte) Frauenkörper, blutüberströmte Leichen und weinende Babys, die ihre Teddybären umklammern.

 

Warum umarmt ein süßes schwarzes Baby inmitten eines Massakers einen Teddy?

 

Teddybären? Gibt es nicht in Namibia, versichert uns unsere Museumsführerin. Sie hat jedenfalls noch nie einen gesehen und das will was heißen, sie ist nämlich – im Gegensatz zum Rest des Museums – aus Namibia. Warum sollte dann dieses süße schwarze Baby inmitten eines Massakers, im Moment der Todesangst, ein völlig unbekanntes Objekt umarmen? Ich vermute, dass der Künstler etwas kulturelle Recherche nicht wirklich für nötig gehalten hat. Ich vermute auch, dass es dem Kurator genauso ging. Die Prioritäten lagen hier weniger bei historischer Genauigkeit, als kommunistischer Propaganda. Davon zeugen auch die zwischendurch eingestreuten Gemälde strahlender Arbeiterfamilien.

Gerade mit diesem Wissen lohnt sich der Besuch in diesem absurden Museumskonstrukt aber auf jeden Fall. Für deutsche Besucher haben die nordkoreanischen Kuratoren auch noch eine kleine Nachricht im dritten Stock versteckt. Auf der Weltkarte an der Wand ist Deutschland hier nämlich noch in Osten und Westen geteilt. „Looks like they’re sending a message“, sagt die Museumsführerin. Dem kann man nur zustimmen.

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