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Unfreiwilliger Selbstversuch: Drei Monate ohne Smartphone

Das iPhone unserer Autorin ist im Klo versunken – jetzt hat sie ein Analoghandy. Internet weg, Tinder weg, Whatsapp weg, Facebook weg. Über ein neues Leben:

Seit drei Monaten gehört zu meiner Handtaschenausstattung nicht mehr nur mein Lieblings-Lippenstift und mein farblich dazu abgestimmtes Portmonnaie, sondern auch ein Sony Erricson K550i, ein batteriebetriebener MP3-Player, ein Notizbuch und eine Einwegkamera. All das notwendige Zeug, das zuvor in meiner persönlichen Büchse der Pandora komprimiert war: Meinem iPhone.

Mein iPhone hatte ich blöderweise zuerst in der Waschmaschine und dann zur Sicherheit nochmal im Klo versenkt. Rettung aussichtslos, da hat auch kein Reis mehr geholfen. Also musste ich mich von Dauer-Erreichbarkeit und leichter Handtasche vorerst verabschieden. Plötzlich zahlte ich wieder 9 Cent pro SMS (wobei die Konversationen meist relativ einseitig blieben) und durfte auf gar keinen Fall auf den kleinen Knopf mit der Weltkugel kommen. Sonst Handyrechnung gleich Monatsmiete. Für manch einen wäre das ganze wohl eine Horrorvorstellung. Am Anfang auch für mich. Doch auf etlichen internetlosen S-Bahn-Fahrten hatte ich genug Zeit, mir Gedanken darüber zu machen, warum das eigentlich so ist. Was diese kleine Gerätschaft, ohne die bis vor 15 Jahren noch jeder ausgekommen ist, mit unserem Leben veranstaltet. Und ich bin zu dem Schluss gekommen: Das Smartphone macht unser Leben vielleicht leichter, aber sicherlich nicht schöner.

 

„Bloß keine Zeit verschwenden!“

 

Zu einem schönen Leben gehört für mich Zeit für schöne Dinge. Und ohne mobiles Internet ist es viel leichter, seine Zeit auch genau dafür zu nutzen. Der bewusste Umgang mit der Zeit wird momentan ja ohnehin viel diskutiert und klar ist, dass uns das Smartphone dabei hilft, sie zu sparen. Wir sparen sie, in dem wir E-Mails auf Bahnfahrten beantworten oder Google Maps uns den schnellsten Weg anzeigt. Die Frage ist nur, ob das überhaupt notwendig ist. Es ist ja nicht so, als hätten die tüchtigeren Zeit-Sparer am Ende das größere Zeit-Kontingent auf ihrem Zeit-Sparbuch. Stattdessen hat jeder exakt gleich viel davon zur Verfügung. Deshalb sollte Zeit nicht gespart, sondern sinnvoll verschwendet werden. Oder anders formuliert: Genossen. Und das klappt viel besser, wenn wir nicht ständig unsere E-Mails checken, sondern einfach mal eine Sache in ihr Gänze genießen.

Zum Beispiel einen Spaziergang. Ich habe früher immer gedacht, dass ich auf geschäftliche E-Mails sofort antworten müsste, um motiviert zu wirken. Deswegen habe ich ständig mein Postfach aktualisiert: In der Vorlesung, bei Freunden und eben auf Spaziergängen. Jetzt ist mir klar geworden, dass das gar nicht erwartet wird. Und vor allem, dass das niemand erwarten kann. Es ist viel schöner, Dinge in Ruhe zu Ende zu tun und erst am Computer die unangenehmen Nachrichten von der Chefin zu lesen. Alles zu seiner Zeit. Freizeit sollte Freizeit bleiben und Arbeit nur Arbeit. Ohne Smartphone ist es viel leichter, diese Bereiche zu trennen und seine freie Zeit in vollen Zügen zu genießen. Ziemlich gesund meiner Meinung nach.

Zeit sparen können wir übrigens nicht nur beim Handeln, sondern auch beim Denken. Und zwar, in dem wir das Denken einfach überspringen. Das Smartphone ist dabei der Almased-Drink der Denk-Diät. Gehirnsport brauchen wir nicht mehr, denn wir können ja eh alles googeln. Und das tun wir auch, ohne Umwege. Ich wollte alles immer jetzt und sofort wissen. Bulimie-Wissen nenne ich das. Man bekommt innerhalb von fünf Sekunden alle Antworten vom Smartphone ausgespuckt und liest sie schnell an der Aldi-Kasse. Und beim nächsten Einkauf sind sie schon wieder vergessen. Man frisst das Wissen, ohne zu kauen, und kotzt es direkt danach unbemerkt und im Ganzen wieder aus. Würde man stattdessen erstmal über Dinge diskutieren, spekulieren und nachdenken, bevor man die Lösung googelt, dann würde man die Thematik sicher besser in Erinnerung behalten. Außerdem ist es ein gutes Gefühl, für manche Dinge einfach mal keine Erklärung zu haben und nicht permanent auf jegliche Information zugreifen zu können. Denn das ist einfach nicht notwendig.

 

Der einfache Weg ist nicht immer der beste

 

Und wo wir schon beim Stichwort Zeit sind: Das Timing meines Handy-Verlustes war nicht gerade optimal, denn es wurde gerade Frühling und ich hatte mein Fahrrad startklar gemacht. Doch wie sollte ich mich ohne Google Maps in Berlin zurechtfinden? Immer hatte ich mir den schnellsten Weg zu meinem Ziel über die App rausgesucht. Und plötzlich musste ich mir Zuhause mit Kuli eine Karte auf den Handrücken malen, an der ich mich auf meinem Weg entlang hangeln konnte. Hat geklappt. In weiser Voraussicht meiner Orientierungslosigkeit bin ich immer etwas früher als nötig losgefahren. Und genügend Zeit in Verbindung mit Orientierungslosigkeit ist eine der schönsten Umstände, die einem passieren können. Weil ich sowieso nicht so recht wusste, wo ich war, bin ich einfach die Straßen langgefahren, die mir eben am besten gefielen und die ungefähr in die Himmelsrichtung liefen, in die ich musste. Ich habe die Stadt von einer ganz neuen Seite kennengelernt. Es ging nicht mehr darum, schnellstmöglich von A nach B zu kommen, sondern den Weg als solchen zu genießen. „Der Weg ist das Ziel“ war noch nie wahrer.

Worüber ich mir neben Google Maps noch ziemliche Sorgen gemacht habe, das waren die Whatsapp-Gruppen. Über sie wird von Party bis Uni-Projekt alles organisiert. Ich hatte Angst, ohne Smartphone etwas zu verpassen. Als ich dann aber nach einem Monat mal mit dem iPhone meiner Freundin geschaut habe, was in unserer Whatsapp-Gruppe so ging, war ich diese Angst schlagartig los. Fünf Minuten habe ich den Chat hochgescrollt, auf der Suche nach irgendeiner relevanten Information, die ich nicht hätte verpassen sollen. Ich fand keine. Whatsapp-Chats sind vielleicht ganz witzig, aber nicht notwendig. Hier wird tatsächlich Zeit verschwendet und nicht gespart. Wichtige Dinge klärt man doch sowieso persönlich. Achja, und in letzter Zeit habe ich keinen einzigen Termin verpasst – und auch keine Party.

Digital-Detox ohne Jo-Jo-Effekt

 

Ach, es gibt noch viele Dinge, die ich meiner Smartphonelosigkeit zu verdanken habe: Ich habe öfter die Stimmen meiner Freunde gehört, weil wir telefoniert haben. Wir haben Verabredungen fest ausgemacht und uns auch daran gehalten, ohne vorher via Whatsapp nochmal alles hin und her zuschieben. Ich habe mit meinem MP3-Player meine Gänsehaut-Lieblingsplaylist gehört, anstelle von charakterlosen und unendlichen Spotify-Listen. Und das beste: Ich wurde auf der Straße nach meiner Telefonnummer gefragt (ich schätze wegen meiner höchst analogen Aura). Zugegeben, ich hätte den Kerl bei Tinder nicht gerade nach rechts gewischt, aber es hat mir gezeigt, dass doch noch nicht jegliche Romantik verloren ist. Ohja, das Leben ohne Smartphone ist schön.

Ob das alles ins Lebenskonzept passt, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Denn natürlich ist ein Smartphone praktisch, allein schon was das Gewicht der Handtasche angeht. Aber zu viel Wert sollten wir diesen Teilen auch nicht zuschreiben. Denn was auf jeden Fall feststeht: Es geht auch noch ohne. Sogar ziemlich gut.

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