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Wildes WG-Leben: Der Tag, an dem ihr Spießer seid, wird kommen!

Schleichend schlängelt er sich den Weg über den ungesaugten Fußboden und überquellenden Aschenbecher. Darf ich vorstellen? Dein Spießer.

Von Marie Hesse

Wohngemeinschaften, das sind jene Orte, die Anfang der 60er Jahre in Deutschland wie Fliegenpilze aus dem Boden schossen und noch heute ein beliebtes Wohnkonzept darstellen. Denkt man an WGs, so denkt man zunächst an Freiheit, Raum und Selbstbestimmung. Wohngemeinschaften, das sind die Orte, an denen sich mehrere Menschen ein gemeinsames Zuhause teilen. Jeder hat seinen persönlichen Rückzugsort in Form eines eigenen Zimmers, während die Küche, das Badezimmer und gegebenenfalls ein Wohnzimmer als Gemeinschaftsräume freundschaftlich geteilt werden. Oft sind es finanzielle oder persönliche Gründe, die die verschiedensten Charaktere einen gemeinsamen Mietvertrag unterschreiben lassen: Lisa möchte nicht alleine wohnen, Martin hat keine Ahnung wie eine Waschmaschine funktioniert, Leonard hat Stress mit den Eltern und Jenny kann sich die eigenen vier Wände nicht leisten. Gemeinsam eine Wohnung zu teilen, scheint die einzig logische Schlussfolgerung. Die finanziellen Kosten halten sich im Rahmen, die Verantwortung ist auf mehrere Schultern verteilt und schiefgehen kann ohnehin nichts, man versteht sich schließlich super. Zumindest, bis die anderen deinen Joghurt essen.

 

Der Ruf der Freiheit

 

Laut ist er und eindringlich. Nach 18,19 oder 24 Jahren Elternhaus wollen wir einfach nur noch raus. Frei sein und ganz bestimmt nie wieder Samstagmorgen vom, gegen die Teppichkanten stoßenden, Staubsauger geweckt werden. Die Freiheit, also den Auszug aus dem Elternhaus, haben wir uns nach Partyverboten, Hausverboten und Zwangsversklavung in der wöchentlichen Mathenachhilfestunde aber auch wirklich verdient. Der Umzug verläuft glatt. Die IKEA-Malm-Serie passt wie angegossen in den 14 Quadratmeter Raum. Es ist vollbracht, wir sind aus dem Nest gesprungen und bauen uns jetzt endlich das eigene. Nur besser: Keine Regeln, keine Pflichten, läuft bei uns. Die Hoffnung auf ein pflichtenfreies Erwachsenendasein, ein Leben ohne Spießerregeln und wöchentlichen Hausputz verschleiert unseren Blick auf die Realität. Nein? Es ist dir wirklich komplett egal, wenn jemand deinen Joghurt ist? Ungefragt? Warte mal ab.

Eene meene muh und raus bist du

 

Wer schon mal Bewohner einer Wohngemeinschaft war, wird wissen: Es ist nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Kaum wohnt ein Mensch mit einem anderen zusammen, kann es richtig knallen. In Wohngemeinschaften kommt es am häufigsten innerhalb der vier gefliesten Wände des geteilten Nassbereichs oder der Küche zum Showdown. Spätestens, wenn du in der Dusche knöcheltief in den Haaren deiner Mitbewohnerin oder schon wieder hungernd vor dem Kühlschrank stehst, wirst du dich fragen, ob der ganze Stress die geteilte Miete tatsächlich wert ist. Der kleine Spießer in dir wird langsam wach. Er rekelt sich noch und öffnet langsam ein Auge, späht in deinen Alltag hinein und brabbelt leise sabbernd vor sich hin. Er ist bereit, wenn du es bist.

 

Hoffnung ist wie Glas…

 

…wenn sie zerbricht, wird es laut. Probleme ergeben sich immer, sobald Menschen entscheiden gemeinsam zu leben. Mit diesem Problem schlägt sich der Mensch schon seit seiner Sesshaftwerdung herum. Um sich allerdings nicht schon weit vor dem Mittelalter wieder auszurotten, kam irgendwann einer auf die glorreiche Idee, ein Regelwerk in den Alltag zu integrieren. In ihm fanden die Menschen (fragwürdige!) Verhaltensanweisungen für den Umgang miteinander: Die Bibel. Die Mutter aller WG-Putzpläne. Auch wenn ihr denkt, dass ihr zu cool für Regeln und zu locker für Spießer seid, lasst euch gesagt sein, der Tag, an dem euer innerer Spießer euch morgens einen Kaffee ans Bett bringt und flüstert: „Keine Sorge. Ich bin jetzt da“ wird kommen.

 

Er ist wieder da

 

Ich verstehe schon. Regeln will keiner. Schon gar nicht in der ersten eigenen WG. „Freedom is cool“ schreiben sich alle auf die Stirn, aber „geregelter Alltag is freedom“ sieht man nirgendwo. Dabei ist das die Wahrheit. Wir brauchen unsere eigene persönliche Bibel um den Spießer in uns, der ganz natürlich ist und uns vor Unheil bewahrt, zu besänftigen.

Spätestens wenn Jasmin zum 62. Mal deinen Joghurt gegessen und Martin zum achten Mal hintereinander nachts unüberhörbaren Damenbesuch hat, wird es Zeit die Sache zu klären. Wie Spießer, ah… wie Erwachsene. Schluss mit lustig, der Mensch, egal wie locker er ist, mag es auf Dauer eben nicht, wenn sein Eigentum missachtet oder sein Biorhythmus gestört wird. Da ist er. Schleichend schlängelt er sich den Weg über den ungesaugten Fußboden, durch die im Flur liegenden Wäscheberge und überquellenden Aschenbecher. Darf ich vorstellen? Dein Spießer.

 

Regeln für Alle

 

Ich für meinen Teil bin ja gern Spießer. Ich war ein Spießerbaby, ein Spießerschüler und ein Spießermitbewohner. Mit mir hatte keiner Spaß, ich dafür umso mehr. Mein persönliches Wohlfühl-Regelwerk brauchte ich nie zu verschriftlichen, es war in meiner Schädeldecke eingebrannt (und irgendwann auch in der meiner Mitbewohner). Mein Joghurt wurde zwar auch hin und wieder weg gegessen aber immerhin auch wieder nachgekauft. Ich stand ebenfalls hier und da knöcheltief in der Körperbehaarung anderer Menschen oder hatte Barthaare an meiner Zahnbürste, aber drei Sätze und zwei Mal Augenrollen später, war ich auch immer Augenzeuge einer intensiven Badreinigung.

Professionell ausgeführt durch meine beiden Mitbewohner. Vielleicht haben wir Pedanten es in Wohngemeinschaften auch einfacher. Fakt ist jedoch: WGs sind eine Übergangsphase. Sie sind eine Art Bootcamp für die später unweigerlich folgende Einzel- oder Pärchenwohnung. Wir lernen Nägel in die Wand schlagen, Wäsche waschen, perfektionieren das Verstecken bestimmter Alkoholika oder Nahrungsmittel und erwerben Kenntnisse in Sachen Problemlösung. Wir schreiben im sicheren Netz der Wohngemeinschaft unser persönliches Regelwerk, ohne welches wir in Zukunft als „richtiger Erwachsener“ nicht mehr werden leben können. „Bei uns ist das anders“, werdet ihr jetzt vielleicht sagen, während ihr gerade eure Festivalbändchen zählt. Für den Moment habt ihr vielleicht Recht, aber um eins würde ich euch trotzdem gern bitten: Denkt beim nächsten Blick in den Kühlschrank an mich.

 

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