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Was passierte, als ich Facebook löschte

Unser Autor beschloss, seinen Facebook-Account zu löschen. Um wieder mehr zu erleben und weniger an Likes zu denken.

Unter uns malt die Sonne das Tal an. Sie schiebt sich langsam nach oben, lässt Tannen leuchten und uns strahlen. „Das ist wunderschön“, sagt Leon. Dann sagt länger niemand mehr was. Wir sind im Moment. Zwar auch müde, aber das ist uns allen egal. Wir befinden uns auf einem Berggipfel, sind um 4 Uhr nachts aufgebrochen, um das zu sehen. Und es lohnt sich! Das ganze Tal leuchtet und es ist ganz still. Nachdem wir den Anblick alle gespeichert haben, geht es irgendwann wieder nach unten, zurück ins Leben. Und später, in weniger magischen Momenten, holen wir den Anblick wieder hervor.

Ein paar Wochen später auf einer Dachterrasse in München. Wieder ist es die Sonne, die den Moment so einzigartig macht. Nach einer Partynacht geht sie langsam auf und München liegt still und ganz majestätisch da. Wieder so ein Moment, den ich gerne abspeichern würde. Der Unterschied zu dem in 1800 Meter Höhe: Kaum jemand verweilt im Jetzt. Sie alle sitzen mit gezückten Handys da, machen Facebook-Posts. München, 6 Uhr morgens, 42 Likes. Sie alle denken nicht an den Moment, sondern an das Likepotenzial desselben. Sie erleben nicht mehr das Jetzt, sondern inszenieren es für das Morgen.

 

Die Likes immer im Kopf

 

„Die besten Augenblicke im Leben werden ständig auf ihr Likepotenzial abgeklopft. Der erste Schnee oder dein erstes Zimmer oder sogar die ersten Schritte eines Kindes: Aus den privatesten Situationen, aus Momenten, in denen du ganz bei dir warst, werden plötzlich Momente, in denen dir theoretisch Hunderte über die Schulter schauen“, schreibt Heike Faller passend im ZEITMagazin. Es geht nicht mehr um die Wirkung des Moment, in den Minuten, in denen man ihn erlebt, sondern um die, die er womöglich auf Facebook hat.

Als mir das klar wurde, scrollte ich mich durch Bilder, die Bekannte auf den Rücken von Elefanten zeigten, beim Heliskiing, in Dubai oder beim Dinner in New York. Sie alle teilten diese filmreif wirkenden Momente mit der Hundertschaft ihrer Facebook-Freunde und ich kam einfach nicht dahinter, was das bringen soll. Und dennoch zeigten die Posts Wirkung: Sie alle entdeckten die Welt, lebten Abenteuer, während ich in meiner Wohnung vor einer Mattscheibe saß. Dass dem natürlich nicht wirklich so ist, sondern dieser Gedanke exakt die Wirkung eines in den Augen des Verfassers wirkungsvollen Posts ist – eben das: das Wirken, das Suggerieren eines aufregenden Lebens. Das Realwerden des Postkartenspruchs: „Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.“

 

Zack, gelöscht!

 

Und plötzlich war die Frage, warum ich denn überhaupt auf Facebook war, was es mir bringen würde. Klar, die Möglichkeit, alte Freunde anzuschreiben, Party-Einladungen und Informationen für die Uni. Letztere beide Punkte, das war schnell klar, würde man auch ohne Facebook hinbekommen. Und den ersten? Ich scrollte durch meine Freunde und schrieb alle an, deren Nummer ich gerne hätte, aber noch nicht hatte. Alte Kindergartenfreunde, witzige Partybekanntschaften.

Am nächsten Vormittag saß ich mit dem Handy da, speicherte die Antworten ein und tat es einfach: Ich beerdigte mit wenigen Klicks Facebook. Zack, getan! In mir breitete sich Erleichterung aus. Keine Nachmittage des deprimierten Anguckens von Urlaubsfotos der Freunde mehr.

Erinnerungen um der Erinnerung willen

 

Und tatsächlich ist es so. Egal, ob auf diesem Berg, ob auf Konzerten, im Urlaub oder am See. Es zählt das Jetzt. Fotos machen? Klar, gerne. Dann aber, um sich in Jahren daran erinnern zu können. Und das kann man auch mit einem überbelichteten, verpixelten Foto, auf dem der beste Freund die Augen zu hat und im Hintergrund Müll herumliegt. Ein Klick auf den Auslöser und man hat die Erinnerung. Zwanzig Wiederholungen, bis der Moment weitergezogen ist, passieren einfach nicht mehr.

Natürlich nur, wenn die Menschen dabei sind, die das ähnlich sehen. Und das sind erstaunlich viele. Sie alle finden klasse, dass ich nun kein Facebook mehr habe. Viele wirken fast ein wenig neidisch. Und sie alle stimmen mir zu, dass es Momente gibt, in denen Handy nichts verloren haben. Auf dem Berg zum Beispiel. Dabei haben wir sie alle, aber im Flugmodus, unten im Rucksack, um in einem Notfall reagieren zu können. So genießen wir das Tal unter uns, das Zusammensein, das Zusammen-Erleben.

 

Den Augenblick genießen

 

Ein Foto machen wir trotzdem noch. Mit einer alten Digitalkamera. Nicht darauf: Perfekt geschminkte Mädchen, Jungs, die ihre Arme anspannen, perfektes Licht, künstliches Lachen. Stattdessen: Unperfekte Menschen mit hässlichen Regenjacken und müden Augen, die alle mit offenen Mündern lachen. Weil sie den Augenblick genießen. Und weil der Gedanke im Hinterkopf, das Foto müsse sich als neues Profilbild eignen, nicht da ist.

Auf der Dachterrasse sagt irgendwann jemand: „Legt doch alle mal die Handy weg. Schaut doch mal, die Sonne.“ Alle schauen irritiert und ein kleines bisschen ertappt. Und stecken dann tatsächlich alle ihre Handys weg. Und sperren Facebook so aus. Ein Foto gibt es von diesem Morgen nicht. Aber das ist egal, denn er ist trotzdem sehr präsent. Weil man ihn wahrgenommen und nicht nur durch den Handybildschirm gesehen hat.

 

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Bildquelle: highwaysengland unter CC BY 2.0

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