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Fürs Erste Krebs: Episode #8

Mitte 20, mitten im Leben – und dann die Diagnose Krebs. Sebastian Schramm erzählt in seiner Kolumne von Erlebnissen, Gedanken und Anekdoten über seine Zeit mit einer Krankheit, die in Deutschland jährlich eine Großstadt auslöscht.

Nur fünf Buchstaben. Sie reichen aus, um ein Leben für immer zu verändern. Was aber, wenn das Leben noch gar nicht richtig begonnen hat? Sebastian Schramm ist 26 Jahre alt – und leidet an Krebs. Von nun an teilt er auf ZEITjUNG seine Gedanken, Erlebnisse und Anekdoten über die Zeit mit einer Krankheit, die in Deutschland jährlich eine Großstadt auslöscht.  Teil 12 , 3, 456 und 7 findet ihr hier. 

Heute: Teil 8 – Wie erkläre ich meine Diagnose meinen besten Freunden?

 

Da stand ich. Station M5, Zimmer 9.5.21. Kein guter Ort, um eine What´s App-Gruppe zu gründen, selbst wenn sie den Namen Hoffnung trug. Mit jedem getippten Wort mehr schienen sich meine Tränen zu verdoppeln. Aber mir blieb keine andere Wahl –  alles war so schnell gegangen. Jetzt verdienten meine Freunde die Wahrheit. Ich sei in Schwerin im Krankenhaus, schrieb ich, völlig am Ende und paralysiert. Es bestehe Verdacht auf Krebs. Ich bräuchte ihre Hoffnung und ihre Liebe. Und: Sie sollten nicht anrufen, unter keinen Umständen. Jedenfalls nicht heute. Ich würde nur weinen. Danach Antworten im Minutentakt. Ich las sie immer wieder, um innerlich immer wieder zusammenzubrechen. „Wenn du was brauchst, sag‘ Bescheid. Bin in Gedanken bei dir! Du packst das.“ – „Wir sind alle für dich da, Schrammi.“ – „Das wird! Wir sind alle bei dir! Und unserer Liebe kannst du dir komplett sicher sein!“ – „Ich bin an deiner Seite, mein Bester…jederzeit!!!! Wir schaffen das zusammen, da bin ich mir sicher.“

Noch heute frage ich mich, wie das gewesen sein muss? Ich hatte wenigstens die Form eines Anlaufs, wusste schon skizzenhaft, was gerade geschieht. Meine Freunde aber waren auf der Arbeit, im Hörsaal, beim Training, auf der anderen Seite der Erde. Der Kopf schon programmiert auf das Wochenende eines Mittzwanzigers: Freunde, feiern, ein bisschen Familie. Und mitten hinein platzte die Bombe. Ich kämpfte um mein Leben.

 

Helfen, still sein oder ignorieren?

 

Der Einschlag ist das eine. Er dauert nicht mehr als ein paar Sekunden. Nach der Explosion aber, der Rauch verzogen, der Blick frei auf die Trümmer,   bleibt die Frage nach dem Umgang: Packe ich mit an, beseitige den Schutt und versuche, etwas Neues zu schaffen? Ziehe ich mich zurück, weil ich nicht weiß, wie ich mit all dem Leid umgehen soll? Oder möchte ich nicht mehr dort sein, wo die Bombe detonierte? Jeder Weg ist nachvollziehbar. Und ja: Ich habe jeden von ihnen zu akzeptieren. Es ist eine der größten Widerlichkeiten des Krebs‘, nur noch sich und seinen eigenen Kampf sehen zu können. Krankhafter Egoismus, im wahrsten Sinne. Er ist notwendig, ohne den stetigen Blick auf sich, den ständigen Glauben an die eigene Person braucht man gar nicht erst anzutreten. Doch häufig hemmt er das Verständnis für die Mitmenschen. Wie frech bin ich, über sie zu urteilen, nur weil sie ihre eigene Art haben, mit dem Krebs umzugehen? Habe nicht auch ich meinen Stil gefunden, von dem ich hoffe, ja sogar erwarte, dass sie ihn akzeptieren? Damit wir uns verstehen: All das schließt nicht aus, auch traurig, enttäuscht und verletzt zu sein. Zwischenmenschliche Beziehungen speisen sich immer aus Erwartungen. Allein, die Krankheit ließ uns mit der Definition von Erwartung zurück. Niemand hatte Erfahrung darin. Weder ich: Was kann ich von ihnen erwarten? – noch sie: Was braucht er, wie können wir ihm helfen? Natürlich weiß ich, dass die einzige Lösung Kommunikation ist. Ich bin kein Idiot. Miteinander reden hilft. Aber so leicht ist es nicht. Der Krebs lässt verstummen.

Vom Sieg war ich immer überzeugt. Dennoch gab es Momente, in denen ich nicht mehr weiter wusste. Waren sie da, trug ich den Kampf fast immer mit mir selbst aus. Ich verneinte Hilfe, ohne den Grund dafür zu kennen. Womöglich spielte ich vor meinen Freunden eine Rolle, die des immer starken Typen, der den Krebs verprügelt, 24/7. Ein Schutzmantel. Für mich, vor allem aber für sie. Diese Vorstellung, sie machten sich dann den ganzen Tag Sorgen um mich, wo sie doch alle ihr eigenes Paket mit sich herum schleppten: Es kann nicht immer um mich gehen! Ich wollte es einfach nicht. Die Konsequenz? Ein beschissenes Missverständnis. In schöner Regelmäßigkeit unterzeichnete ich die Realität. Wandelte ich an meinen körperlichen Grenzen, schrieb ich, mir ginge es den Umständen entsprechend. Drohte mein Kopf zu platzen, vor lauter Angst oder einfach wegen der Flut an Gedanken: mehr als ein „mein Kopf ist schwer“ bekamen sie kaum von mir. Sie sahen in mir einen Krieger, immer geradeaus, unaufhaltsam in Richtung Gesundheit. Ganz unter dem Motto: Der schafft das schon, so viel Hilfe benötigt er gar nicht. Dabei lechzte ich oft nach guten Worten. Nach einem Telefonat, einem Besuch, einfach nach Zuneigung und Aufmerksamkeit. Die Frage beschäftigt mich bis heute: Kann ich etwas fordern, was ich nicht einfordere? Ein ernst gemeintes „Wie geht es Dir?“ verliert seine Bedeutung, sofern ich nicht ehrlich antworte. Mein Gegenüber kann nichts dafür. Ich bin schuld. Der stumme Schrei funktioniert nicht.

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