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Großeltern mit Swag: So lebt die altgewordene Generation Y

Wenn die Twentysomethings der Generation Y Senioren sind, leben sie in einer Alten-WG – ein Zukunftsszenario zwischen Matcha-Latte und Hüftprothesen.

Meine Großeltern lebten 50 Jahre lang im selbstgebauten Haus, zogen gemeinsam ihr eigenes Gemüse und ihre Kinder groß und starben, ohne zu wissen, was ein Facebook-Like ist. Sollte ich mal das Alter jenseits der Erwerbstätigkeit erreichen (falls es das dann noch gibt, vielen Dank an das Rentensystem), sieht das dann in etwa so aus: Ich lebe in einer Alten-WG. Ein Eigenheim kam nie in Frage, dafür war meine #Wanderlust einfach zu groß. Das klassische Altenheim hat ebenfalls ausgedient. Denn eine App aus der 40. Staffel Höhle der Löwen scannt meinen Gesundheitszustand, übermittelt ihn an meinen Hausarzt und schickt eine Medikamentenbestellung an Amazon oder einen Notruf ans nächste Krankenhaus.

 

Grüne Smoothies zur zahnarmen Nahrungsaufnahme

 

Während Liesbeth und Eberhardt im 20. Jahrhundert jeden Morgen auf der blümchengemusterten Kücheneckbank ihren Kaffee mit Milch vom Bauern nebenan tranken, werde ich in der WG-Küche nach einer durchtanzten After-Hour im Altershain mit einem „Moinsen, dreh den Swag auf!“ begrüßt. Mein Mitbewohner Leander-Emil sitzt auf einem Weinkistensofa und prostet mir mit seinem entkoffeinierten Hafermilch-Matcha-Latte zu. Über ihm hängt ein Poster von Lena Dunham, deren „Girls“-Revival namens „Grandmas“ gerade auf Netflix rausgekommen ist. Mein Mitbewohner Leander-Emil hat früher nicht etwa eine Ziegelei, sondern in einem Start-Up namens „Foodie-Manufaktur“ gearbeitet. Die beliefern uns jetzt immer noch mit grünen, braunen und violetten Smoothies. Das erleichtert die zahnarme Nahrungsaufnahme und füllt unsere Instagramaccounts mit Vitalität. „Und, bereit fürs WG-Casting?“, fragt mich mein Mitbewohner mit grüner Schaumkrone auf dem grauen Vollbart. Unser drittes Zimmer ist nämlich freigeworden, nachdem unserer letzten Mitbewohnerin ein Klumpen aufgedunsener Chia-Samen im Hals stecken geblieben ist. Sie wollte gerade sieben Globuli gegen Hüftschmerzen mit einem Rote-Beete-Smoothie runterspülen.

 

Nicht mal zu Weihnachten wollen die Enkel vom Seitan-Braten kosten!

 

„Klar bin ich bereit, Diggi! Ich check nur nochmal kurz die Apothekenumschau“ antworte ich. Zwei Artikel über das Retrogame Pokémon Go und wie es uns zur Bewegung motivieren soll später klingelt es an der Tür. Bewerberin Lea begrüßt uns und stellt einen Sixer glutenfreies Craftbeer auf den Küchentisch. „Das ist ja echt super lieb, dass ihr mich eingeladen habt, da wollte ich natürlich etwas mitbringen!“, sagt sie, während sie ihren Fake-Fur-Mantel aus dem Second Hand Shop über den Stuhl hängt. „Naja, eigentlich habe ich es für meine Enkel gekauft, aber die wollten es nicht. Die essen ja auch nichts von meinem tollen Seitan-Braten. Nicht mal zu Weihnachten! Könnt ihr euch das vorstellen? Wie kann man nur so viel Fleisch essen wie diese jungen Bälger?“. Leander-Emil pflichtet ihr bei: „Wirklich schlimm, früher hat es sowas nicht gegeben! Aber diese Fleischesserei ist doch nur eine Modeerscheinung, das geht wieder vorbei!“

 

Putzplan und Bullshit-Bingo

 

Während die beiden sich über ihr Essverhalten auslassen, mache ich das Craftbeer auf. Früher haben wir mit den Konterbieren nach einer durchfeierten Nacht Flunkyball gespielt. Das hat sich jetzt aber. Ich bin trotz Beinprothese nicht mehr gut zu Fuß und Leander-Emil sieht so wenig, dass er nicht mal die Flasche in der Mitte erkennen könnte. Wir zeigen Lea das Zimmer. Die Einrichtung mit den orthopädischen Bett, den Biedermeierkommoden und dem an Ketten aufgehängten Ast als Kleiderstange könne sie gerne übernehmen, erkläre ich. „Und habt ihr einen Putzplan?“ will Lea wissen. „Ja, so ähnlich: Jede Woche kommt eine netter junger Herr und putzt die Wohnung. Am Abend davor spielen wir Bullshit-Bingo mit den Whatsapp-Nachrichten unserer Enkel. Der Verlierer muss unsere Haushaltshilfe bezahlen.“ Das findet Lea gut. Außerdem würde ihr Bosse-Poster super neben das Fenster passen. Den hätte sie damals live beim Hurricane gesehen, während ihr Zelt abgesoffen ist und sie drei Tage lang im Schlamm getanzt hat. Ihre Nachkommen würden sich ja nur noch in Hotels einmieten, um mal auf ein Konzert zu gehen. Vermutlich gewinnt Lea unser nächstes Bullshit-Bingo.

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