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Hassobjekt: Die Pseudo – Authentizität

Warum echt wirken, wenn man’s auch spielen kann? Diese Woche hassen wir pseudo-authentisches Verhalten.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten ab sofort immer montags in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: „Pseudo-Authentizität“.

Ein Hassobjekt von Maxi Jung. Illustriert von Alike Schwarz.

 

War nicht die Authentizität das Gebot der Stunde? Ihr wisst schon, dieser ganze hipsteresque „Wir kaufen alles auf dem Flohmarkt“-Bullshit, Vintage-Fotografie, Klamotten von Oma, dieses Zeug eben. Dieser Drang nach Echtheit, nach einer fühlbaren Geschichte, nach Unverstelltheit. Ich erinnere mich an halbstündige Monologe über das Einmachen von Gurken, weinerliche Diskussionen über die Schwierigkeit, „wirklich abgenutzte, aber immer noch hochwertig aussehende“ Lederschuhe im Secondhand-Shop zu finden und Abende mit dem Spannungsbogen von The Revenant, an denen es ausschließlich um Polaroid-Fotos ging.

Tja. Es stellt sich heraus, dass es noch etwas nervigeres gibt als die Suche der Mitmenschen nach Authentizität: Gespielte Authentizität nämlich.

 

Techno, Kippen, Whiskey. Is‘ klar.

 

Montags, 17 Uhr, Unikurs. Bachelorarbeitvorbereitungsseminar. Dozent: „Erzählen Sie doch mal, wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Arbeit schreiben? Was brauchen Sie, um vernünftig arbeiten zu können?“ Kaffee, Tee, manche auch die Bib, zu Hause lenkt man sich einfach schneller ab. Dann kommt meine Kommilitonin Frau F. an die Reihe. „Also, wenn ich eine Arbeit schreibe, mache ich mir ganz laut Techno-Musik an, rauche Kette und trinke Whiskey.“

Mir droht die Gefahr, an meinen sich gefährlich weit in meinen Schädel hineindrehenden Augäpfeln zu versterben. Frau F. wieder. Frau F. besitzt das Gefahrenpotential eines blinden Huhns und findet entsprechend selten auch mal ein Korn, was sich anschaulich anhand ihrer stets grenzdebilen Nachfragen illustriert („Wie, wir haben für die Bachelorarbeit nur neun Wochen? Das hat mir noch niemand gesagt!“), spielt sich aber so oft zum harten Ficker auf, dass GG Allin ihr vermutlich Respekt zollen würde: At least you tried. Now fuck off.

 

Alles so schön individuell hier!

 

Und Frau F. ist kein Einzelfall. Vorrangig in der glitzernden Welt der Sozialen Netzwerke greift aktuell ein Phänomen um sich, das sich nur mit „Pseudoauthentizität“ beschreiben lässt – es scheint so, als hätten all die farblosen Menschen, die ihre Friends und Follower bislang mit verwackelten Partyfotos und nachdenklichen Spruchbildern bespaßt hatten, nun den Drang, aus der Reihe zu tanzen – vong Individualität her.

Das führt dazu, dass Herr M., der bisher ausschließlich Bilder von Mario Götze auf seinem Profil teilte, jetzt Seiten wie „Existential Comics“ und „Art & Literature“ liked und Aphorismen von Nietzsche mit „toll!!!!“ kommentiert, wobei ich unter Eid schwören würde, dass er ohne die Hilfe von Google nicht einmal wüsste, wie man Nietzsche schreibt. Oder dazu, dass luxusliebende, auf Instaposts eigentlich immer nur Prosecco saufende Fashionistas wie Frau H. Fotos von sich mit einem PS4-Controller und dem Hashtag #GamerGirl posten, während sich im Hintergrund die Michael Kors Handtaschen stapeln.

 

Was ist das für 1 Authentizität?

 

Kurz gesagt: Die Leute, die dich vor ein paar Jahren noch verächtlich angeschaut haben, weil du so komische Dinge getan hast wie Bücher zu lesen oder Videospiele zu spielen, versuchen jetzt durch genau diese Dinge authentischer zu wirken und ihre street credibility aufzumotzen. „Ich bin ja gar keine so flache Persönlichkeit, wie ihr immer geglaubt habt!“ Doch, das bist du, und zwar genauso lange, bis du all die Sachen, die du vorgibst, zu mögen, auch mal ausprobiert hast. Gib Nietzsche und The Witcher mal eine ernsthafte Chance. Und sobald du einen Song von ihnen nennen kannst, darfst du auch ein Nirvana-Shirt tragen, ohne dafür verarscht zu werden. Smells Like Teen Spirit zählt nicht.

 

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