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Was eigentlich, wenn dein Tinder-Match plötzlich deine große Liebe ist?

Liebe via Tinder zu finden, ist scheiße schön. Von einer gefundenen Liebe via Tinder zu erzählen, ist leider nur ersteres: Irgendwie scheiße.

Irgendwie ist bei Tinder alles okay, außer die Liebe des Lebens finden zu wollen: Jemanden zu suchen, der dir die Stadt zeigt. Mit dem du feiern gehen kannst. Jemanden zum Marktwert testen, zum Vögeln, zum Rumknutschen. Jemanden, der dir Drinks ausgibt oder dir dein Abendessen finanziert. Einfach auf der Suche sein, nach „inspirierenden Leuten“. Aber sich verlieben wollen? Pah, ausgeschlossen. Wir sind doch nicht verrückt. Oder naiv.

 

Fünf Jahre sind es nun schon. Vor fünf Jahren kam die wohl oberflächlichste Dating-App der Welt auf den Markt und in die Hände gelangweilter Singles und solcher, die es gerne wären. Tinder hat die Romantik des Kennenlernens gefressen, ausgekotzt und im Klo runtergespült. Fünf Jahre ist auch die Zeit, die Paare im Schnitt zusammen sind, bevor sie sich das Ja-Wort geben. So wie ein befreundetes Pärchen von mir, die vor kurzem geheiratet haben. Kennengelernt haben sie sich über Tinder. Eine Feier gab es allerdings nicht. Wollten sie vielleicht peinlich berührte Reden über ihr Kennenlernen vermeiden?

 

Zelebriert doch eure Liebe, wenn ihr euch traut!

 

Tinder hat immer noch den Ruf, eine App für schnelles und kurzlebiges Glück zu sein. Und das mag auch stimmen – allerdings nur teilweise. Jeder kennt inzwischen mindestens ein Paar, das sich über die Dating-App gefunden und bei denen das Glück noch weit über das erste Date hinaus gereicht hat. Und wer es selber erlebt hat, weiß zwei Sachen: Liebe via Tinder zu finden, ist scheiße schön. Von einer gefundenen Liebe via Tinder zu erzählen, ist leider nur ersteres: Irgendwie scheiße.

 

Ist Tinder nur an der Oberfläche oberflächlich?

 

Das aufgeregte Erzählen vom Kennenlernen mit dem neuen Freund oder der Freundin gleicht dann eher einem Geständnis. Irgendwo findet sich immer ein „aber“, als müsse man etwas rechtfertigen. „Aber der ist echt nicht so ein typischer Tinder-Typ“ oder „Aber der hat wirklich witzige Dinge geschrieben“ oder „Aber der hat Tinder eigentlich noch nie benutzt.“ Eigentlich rechnet nämlich niemand damit, dort tatsächlich die wahre Liebe zu finden. Und eigentlich will man das auch gar nicht. Unsere Eltern und Großeltern haben es schließlich auch geschafft, in der echten Welt jemanden zu treffen. Tinder ist nur Zeitvertreib. Aber wer sagt eigentlich, dass Opa Willie sich die App damals nicht installiert hätte? Die Menschen haben sich nämlich gar nicht so sehr verändert, sondern nur die Möglichkeiten. Hinter den Tinderprofilen stecken genauso normale Menschen, wie es Opa Willie früher war. Und keine Bumsmaschinen ohne Seele. Es sei denn, Opa Willie war … egal.

 

Die App für Singles ohne Niveau. Nicht! (… nur)

 

Doch genauso wie Niveau keine Handcreme ist, ist Tinder einfach nicht Elitepartner. Sondern immer noch umsonst, schnell und maximal 500 Zeichen lang. Doch wir lieben es: Deutschland ist inzwischen der drittgrößte Markt für Tinder in Europa. Und genau weil es so verdammt easy ist, Tinder mal auszuprobieren, gibt es unter den Nutzern auch genug ganz normale Typen wie dich und mich. Und das wiederum führt dazu, dass es sehr wohl möglich ist, dort etwas Echtes zu finden. Irgendwie abwegig, aber möglich.

Und ist Liebe am Ende nicht einfach Liebe? Den Paaren, die ich kenne, ist es völlig egal, keine hollywoodreife Kennenlern-Geschichte zu haben. Jedenfalls vor engen Freunden und sich selber. Geht es dann aber darum, den Eltern erklären zu müssen, wo sie sich getroffen haben, wird sich öfter mal eine kleine Notlüge ausgedacht oder die Antwort „Übers Internet“ muss reichen. Dann möchten manche Mütter auch gar nicht mehr wissen. Aber besonders von Bekannten erntet man gerne mal Blicke oder verschluckte Bemerkungen, die nicht so richtig einzuordnen sind. Solche Gespräche haben vielleicht nicht immer einen bitteren Beigeschmack, aber irgendeinen Beigeschmack haben sie auf jeden Fall.

 

Tinderromantik ist kein Oxymoron

 

Überlegen wir mal: Was wäre denn eine „romantische Kennenlerngeschichte?“, die man auf der Hochzeit nochmal gerne rekapitulieren würde? Seit der Schulzeit zusammen zu sein? Dafür ist der Zug wohl schon abgefahren. Sich im Club kennen lernen? Genauso oberflächlich, bedingt durch Rauschmittel sogar noch oberflächlicher. Im Gemüsemarkt gegeneinander rennen? Ist das überhaupt schon jemals wem passiert? I doubt it. Sich im Job kennenlernen? Wow, total spannend.

Und auf der Straße angesprochen zu werden hört sich erstmal aufregend an – so rosig ist es in der Realität dann aber gar nicht: Man ist gerade im Stress, muss aufs Klo, hat fettige Haare oder denkt, der andere wäre ein Psycho. Nur dieser kleine Moment ist das Pendant zu Tinder. Und dann doch lieber ein hübsches Profilfoto und etwas Sicherheitsabstand. Und die Löschtaste. Viel angenehmer. Die erste Verabredung und alles, was danach kommt, ist gleich analog und gleich romantisch. Egal wie man jetzt an die Handynummer gekommen ist. Tinder ist eben nur der Zunder. Der Zunder der Geschichte, die Vorgeschichte, nicht der Beginn. Und die Romantik kommt so oder so. Also müssen wir unsere Tinder-Lovestories einfach genauso rausposaunen, wie es auch alle anderen tun. Nur so können die unnötigen Vorurteile abgebaut werden.

 

Und warum im Gartenteich fischen, wenn man auch den Bodensee haben kann?

 

Ich habe eine Freundin gefragt, ob sie jemals an der Liebe gezweifelt hat, weil sie ihren Freund über Tinder kennengelernt hat. „Gar nicht. Ganz im Gegenteil. Ich finde es sogar viel besonderer, wenn daraus was Echtes entsteht, weil er ja die Auswahl hatte“. Denn ihr Freund hat lange getindert und sich mit vielen Frauen getroffen. Aber keine fand er toll. Meine Freundin fühlt sich nicht wie die Nächstbeste. Sondern wie die Auserwählte. Und wenn man mal darüber nachdenkt, ist das wahr.

Für mich ist Tinder wie ein riesiger bunter Süßigkeitenladen in dem man das Kaubonbon mit der schillerndsten Verpackung probieren darf- umsonst! Und vielleicht schmeckt es viel zu süß, man bekommt Durchfall davon und probiert lieber ein anderes. Aber vielleicht hat es zufällig auch den Geschmack von Wassermelonen mit frischer Minze und ist dazu noch zuckerfrei. Und man wird süchtig.

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