FrauenFreundschaftGesellschaftJugendLebenTraumaVergangenheitVergessen

Wie sollte man mit traumatischen Erfahrungen im Freundeskreis umgehen?

Plötzlich erfährt unser Autor vom einem schrecklichen Erlebnis in der Kindheit einer Freundin. Er besucht sie in der Traumaklinik – und wird überrascht.

Als die beißende Kälte in meine Haut schneidet und ich an einer geschlossenen Döner-Bude unter einzelnen Schneeflocken vorbei in Richtung Klinik laufe, beginnt die Aufregung. Vor dem Unerwarteten. Denn ich besuche Anna. Einen der wichtigsten Menschen in meinem Leben, den ich so gut zu kennen dachte wie kaum einen anderen – und der mir doch ganz und gar unbekannt war. Denn Anna trug all die Zeit, in der ich mit ihr in Clubs tanzte, in Flüssen schwamm und der Sonne und Seen im Münchner Umland entgegen fuhr, ein furchtbares Geheimnis mit sich herum.

Erfahren davon habe ich erst zwei Wochen vor dem Beginn ihres Klinikaufenthalts. Wir gingen durch den Englischen Garten, einige tapfere Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg durch die wie Zuckerwatteberge hoch über uns thronenden Wolken. Der Schnee unter unseren Füßen knirschte nicht, wie er in Büchern und Filmen immer tut, sondern gab Geräusche von sich wie Matsch unter Festivalgummistiefeln. Anna hatte gesagt, sie müsse mir etwas erzählen. Und so liefen wir nebeneinander, ganz dicht, um den Pfützen auszuweichen und ich sah aus dem Augenwinkel ihren Atem in kleinen Nebelwolken, die sich nur Sekunden später mit der Luft vermischten und fort waren.

Anna kannte ich noch gar nicht so lange und wir sahen uns nicht so oft. Arbeit, Studium, Verpflichtungen, verschiedene Freundeskreise. Es kam vor, dass sie mir bei einem Treffen von einer zweiwöchigen Schweden-Reise erzählte, von der sie gerade zurückgekommen war, und von der ich gar nichts gewusst hatte. Wenn wir uns aber sahen, dann redeten wir. So richtig. Wie redeten über die Welt, was es alles auf ihr zu entdecken gab und über das Schöne auf ihr. Natürlich auch über das Schreckliche. Sie war ein empathischer Mensch. Einmal weinte sie hemmungslos, nachdem sie, den Kopf auf meinem Bauch liegend, am See einen Artikel über einen Selbstmord einer 15-Jährigen, die gemobbt worden war, gelesen hatte.

 

Ein schreckliches Geheimnis

 

Wir waren uns nah, wenn wir uns sahen. Erzählten einander kleine Dinge aus unseren Leben, von denen wir teilweise gar nicht gewusst hatten, dass sie in unseren Köpfen existierten, bis wir sie aussprachen. Und wir lachten. Ständig. In U-Bahnen glotzten uns die Leute an, wenn wir nicht mehr aufhören konnten, wie die 12-Jährigen zu kichern. Ich liebte ihr Lachen. Denn es brach unvermittelt aus ihr heraus und war viel zu laut und überhaupt nicht schön. Dafür ehrlich. Ihre Augen glänzten dann immer, sie haute mir spielerisch auf die Schulter und sagte: „Jetzt hast du mich zum Heulen gebracht.“

Während wir an Kindern vorbei gingen, die sich eine erbitterte Schneeballschlacht mit dem klebrigen Eismatsch lieferten und die Sonne sich rechts vor uns am Monopterus brach, lachte sie nicht. Stattdessen schaute sie auf ihre Füße, was sie eigentlich nie machte. Und dann erzählte sie mir von ihrem Geheimnis, mitten in die Nachmittagssonne und die Friedlichkeit eines Nachmittags im Zentrum Münchens hinein.

Ich habe beschlossen, nicht zu schreiben, was ihr genau widerfahren ist. Nur so viel: Sie war 14 und lebt seitdem mit dem Schmerz. Sie ist stark, sie denkt nicht immer daran, ihr Lachen war nie Maskerade. Aber tief in ihr ist ein Trauma. Eines, das zuletzt immer öfter an die Oberfläche gelangte und dort durchbrach wie kochende Lava. Sie sagte all das ganz ruhig, erzählte mir von den Albträumen, der Schlaflosigkeit, dass sie seit einigen Wochen nicht in der Uni war. Und dass sie in eine Traumaklinik gehen würde. In zwei Wochen schon. Um gegen das Monster in sich zu kämpfen. Um wieder schlafen zu können – und wieder zu leben.

In Filmen reagieren Menschen, denen Schreckliches erzählt, wird immer mit Bestürzung. Sie weinen, sie recken die Arme in den Himmel, sie schreien. Sie sind wütend und traurig zugleich. Sie weinen. Ich dagegen konnte mich nur auf die Sonne konzentrieren, die meine Armhaare leuchten ließ. Dann nahm ich Anna unbeholfen in den Arm und wusste nicht, was ich sagen soll. Denn was sagt man einem Menschen, den man liebt und den man als Lachen in tiefer Nacht, als Tanzen zu flirrendem Licht und als falsches Singen im Auto, während der Regen auf die Windschutzscheibe einhämmert, kennt?

Kommentare

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren