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Hey Boys, warum datet ihr eure Kumpels so selten?

Unser Autor und sein Kumpel beschlossen, ihre Freundschaft weg von Jugenderinnerungen und in die Gegenwart zu holen. Also verabredeten sie sich zu Dates.

Als ich in den kühlen Frühlingswind hinaustrete, bin ich ein bisschen aufgeregt. Schließlich habe ich ein Date. Mit einem meiner besten Freunde.

Es passierte beim Biertrinken. Wie das eben so ist mit alten Freunden, mit denen man früher bis ins Morgengrauen um die Häuser gezogen ist, die man jetzt aber nur noch alle paar Wochen sieht, saßen wir in einer Bar, in der wir früher über das Verändern der Welt schwadroniert hatten und die wir jetzt, der nostalgischen Gefühle wegen, immer noch besuchten. Wir saßen dann da, wenn wir uns trafen und brachten uns auf den neuesten Stand der Dinge.

 

Man ist befreundet, weil man sich schon so lange kennt

 

„Lukas ist jetzt nach Berlin gezogen“, hieß es dann und ziemlich bald: „Weißt du noch als …“.Das war der Gang der Dinge, dass wir bei Vergangenem landeten. Bei wilden Urlauben mit 17, bei feuchtfröhlichen Abenden, die gefühlt Jahre her waren. Denn in der Gegenwart erlebten wir gemeinsam nur noch selten etwas, das es wert war, noch Jahre später darüber zu reden. Ist ja irgendwie auch klar: Man ist befreundet, weil man sich schon so lange kennt. Die Freundschaft ist dabei eine Summe der gemeinsamen Erinnerungen. Irgendwann kommen dann aber Jobs, gemeinsame Wohnungen mit der Freundin. Kurz: das Leben. Ist ja auch irgendwie gut, dass man in einem gewissen Alter nicht immer noch um halb 6 morgens vor dem Club steht und Wodka-O trinkt, weil es drinnen zu teuer ist. Das Problem: Das Erinnerungs-Konto bekommt keinen Nachschub mehr.

So saßen wir da also über unseren Bieren im Dämmerlicht der Bar. Und plötzlich, als wir gerade über eine kurios verlaufende Nacktbade-Aktion vor Ewigkeiten redeten, sah Felix mich an und sagte: „Warum erleben wir sowas heute nicht mehr?“ Ich kam ihm mit der Standard-Antwort. Schwierig sei es, wie seien erwachsen geworden und da sagte er: „In Beziehungen braucht man Erlebnisse, sie gehen kaputt, wenn man sich immer nur am gleichen Ort trifft. Eigentlich muss man sich Mühe geben, wie beim ersten Date. Immer wieder. Warum sollte das bei Freundschaften anders sein?“

Wir tranken weiter und beschlossen, dass wir die nächsten Male etwas unternehmen würden. Als hätten wie ein Date. Einfach, um neue Geschichten zu schreiben und nicht immer wieder über den Unsinn zu quatschen, den wir mit 16 angestellt hatten.

 

Plötzlich spüren wir es

 

Drei Wochen später bin ich also auf dem Weg in die Innenstadt und bin aufgeregt, was mit total bescheuert vorkommt. Als wir uns an der Tramhaltestelle treffen, ist es anders als sonst. Anders, weil wir nicht wie immer im Eck rechts hinten in unserer Bar sitzen, sondern draußen sind und auf ein Konzert gehen, was wir ewig nicht gemacht haben. Felix drückt mir grinsend eine Plastik-Rose in die Hand und ein Bier, das wir auf den Stufen eines Hauseingangs leer trinken.

„Sehr romantisches Date“, sage ich noch. „Bier aus der Flasche in einem Hauseingang trinken.“ Und dann, als wir drinnen sind, die Scheinwerfer sehen, noch ein Bier trinken, die Vorband zweistimmigen Gesang in die Gesprächsfetzen der Besucher wirft, spüren wir es: diese Aufbruchstimmung, die alleine schon dadurch ausgelöst wird, dass ich bei etwas Normalem wie einem Konzertbesuch Felix dabei habe, der eigentlich gar nicht in diesen Rahmen passt, weil er eben dieser alte Freund ist, den ich alle paar Wochen auf ein Bier treffe. Wir machen unsere Handys aus – finden wir beide bescheuert auf Konzerten, diese hundert blinkenden Bildschirme – und haben das, was eine der Säulen von Freundschaften darstellt: Spaß.

Wir grölen die Lieder mit falschem Text mit, bewegen uns ungelenk, lernen zwei Schotten kennen. Es ist wie früher. Und nach fast zwei Stunden laufen wir völlig verschwitzt mit vom Bier glühenden Wangen durch die nächtlichen Straßen und Felix legt seinen Arm um mich und sagt: „Das war ein schönes Date.“ Wir müssen beide lachen. „Das sollten wir öfter machen.“

 

Der Beschluss, sich zu daten

 

Und so sitzen wir fast zwei Monate später in Felix‘ Auto und brausen mitten in den Hochsommer vor München hinein. Wir essen fettige Pommes am See, haben viel mehr Zeit, unser Erlebtes zu erzählen. Abends, auf der Autobahn zurück, hören wir mit offenen Fenstern laut Musik und unsere Haut spannt, weil wir uns geweigert haben, uns einzucremen. Ganz wie früher. Und wir sind so gelöst, weniger ernst, weniger fremd. So wie sonst immer, wenn es manchmal bis zum Ende des Abends dauert, bis sich die Vertrautheit von früher wieder einstellt. Als wir uns verabschieden, verabreden wir uns für einem Open-Air-Kino-Abend. Das nächste Date.

Vier Monate nach dem Treffen, an dem wir beschlossen, uns zu daten, sitzen wir in der Ecke unserer Kneipe. Wir haben beide eine stressige Woche hinter uns und nur kurz Zeit für ein schnelles Bier. Über den Unsinn, den wir mit 17 so angestellt haben, reden wir dieses Mal nicht. Stattdessen planen wir einen Trip nach Schottland. Zu John, einem der Schotten, den wir auf unserem ersten Date kennengelernt haben. Und dann freue ich mich, weil mir der Gedanke kommt, wie wir in einigen Jahren beim Bier in unserer Kneipe über unseren Trip nach Schottland reden. Und über all das Erlebte auf unseren Treffen, die nicht in den immer gleichen vier Wänden stattfanden, weil wir das so beschlossen haben.

Dass der Trip dann platzte, spielt keine Rolle, denn es geht um das, was unsere Idee ausgelöst hat: um dieses Gefühl, dass unsere Freundschaft jetzt in der Gegenwart stattfindet und nicht mehr auf eine Zeitreise in die gemeinsame Vergangenheit angewiesen ist.

 

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0-Lizenz

 

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