ChatChatroomChatrouletteMasturbationPenisSelbstversuch

Selbstversuch: Was geht eigentlich noch auf Chatroulette?

Was passiert heute eigentlich noch auf Chatroulette? Unsere Autorin hat einen Selbstversuch gewagt – Spoiler: Es könnte ein Penis vorkommen.

Ihr lieben Kinder der 90er, könnt ihr euch noch an Chatroulette erinnern? Dass ihr hin und wieder mit wildfremden Menschen eure Abende vor dem PC verbracht hat, da bin ich mir ziemlich sicher. Entweder wart ihr alleine und gelangweilt in eurem Kinderzimmer oder mit einer Schar kichernder Freunde um euch herum – auf jeden Fall war Chatroulette teilweise abendfüllend. Für alle, die das nicht kennen, das Prinzip ist ganz einfach: man geht auf die Seite, und dann wird man per Zufall über einen Videochat mit einem anderen Menschen verbunden. Dann kann man sich unterhalten, scheiben, oder mit einem Mausklick den nächsten auf dem Bildschirm sehen. Die Idee dahinter war, dass man mit Menschen auf der ganzen Welt ein bisschen Smalltalk machen kann – stattdessen haben wir schon damals viele Penisse gesehen, die uns vor der Kamera präsentiert wurden. Mein armes dreizehnjähriges Ich sitzt gedanklich immer noch traumatisiert und heulend in einer Ecke meines Gehirns; Zeit, mal wieder auf Chatroulette zu gehen!

 

Chatroulette und seine Nachmacher

 

Als ich die Seite anklicke, werde ich aufgefordert, mich zu registrieren. Moment mal – das war früher doch anders! Früher war alles besser, und früher musste ich meine Daten nicht angeben! Hab ich jetzt nämlich auch keinen Bock drauf. Google verrät mir, dass sich seit der Gründung vor acht Jahren noch weitere Dinge verändert haben. Man kann andere Nutzer jetzt melden, und bekommen die drei Meldungen, werden sie für eine Dreiviertelstunde gesperrt; wenn es zu krass ist auch mal für 24 Stunden. Das klingt irgendwie gar nicht mehr so nach dem Chatroulette, das ich kenne – aber zum Glück gibt es ja unzählige Nachmacher. Ich will mich nämlich, genau wie damals, einfach hinsetzen und los geht’s! Also wechsle ich auf Chatspin, und tadaa, es läuft.

 

Ich sehe nur noch Penisse

 

Erst mal kuckt da ganz freundlich ein kleiner, dünner Penis in die Kamera. Okay, cool. Next. Oh, noch ein Penis. Diesmal verschwindet er fast unter einem wirklich enorm großen Bauch, aber der dazugehörige Typ schafft es immer noch, mit seinen Händen nach unten zu kommen. Gut für ihn, next für mich. Diesmal ist es kein Penis, sondern sogar ein wunderschön verpackter Penis! Eine knallenge, blaue knappe Unterhose, mit zwei roten Streifen, die elegant die Beule darunter hervorheben – ein Träumchen, sag ich nur, ihr Männer da draußen, Nachahmung wird dringend empfohlen. Nächstes Bild: wieder ein Penis. Und noch ein Penis. Und noch einer. Wow, es ist gerade mal eine Minute vergangen, und ich habe bereits mehr Penisse gesehen, als ich mir an einem Nachmittag um 15 Uhr gewünscht hätte.

Nächstes Bild. Oh. Mein. Gott! Da sitzt tatsächlich eine bekleidete Person im Bild, und noch ist kein Penis weit und breit in Sicht. Er schreibt: „Hi are you horny i want to play with you.“ Ups, wohl zu früh gefreut.

 

Wer macht sowas?

 

Ohne zu übertreiben, die nächsten Minuten verstreichen, ohne dass ich einmal keinen mehr oder weniger erigierten Penis gezeigt bekomme. Ich freue mich inzwischen schon über Männer, die mir ihr Glied nicht in Großaufnahme zeigen, sondern die unauffällig unter dem Tisch oder mit der Hand in ihrer Hose masturbieren. So schnell können Ansprüche sinken. Zwei Sachen fallen mir aber auf jeden Fall auf: Zum einen sind die Typen entweder relativ jung oder so alt, dass man Angst haben muss, dass sie gleich vor der Kamera einen Herzanfall bekommen. Zweitens, dank Chatspin weiß man, wo sich das Gegenüber befindet. Und überproportional viele Männer kommen aus Baden-Württemberg. Ich meine, da steht mir quasi die ganze Welt offen, und ich kann doch nur einen Blick in baden-württembergische Junggesellenbuden werfen. Kann mir das jemand erklären? Was ist in Baden-Württemberg anders als im Rest der deutschen Bundesländer?

 

Mach, dass es aufhört!

 

Dann kommt der nächste Typ ins Bild, ein Inder. Er fragt mich tatsächlich nicht, ob ich mit ihm ein bisschen Camsex haben will, er fängt nicht plötzlich an sich auszuziehen und er masturbiert auch nicht heimlich. Er scheint tatsächlich erstmal nur ein bisschen chatten zu wollen, richtig fancy. Das macht mir ein bisschen Hoffnung auf den nächsten Kandidaten. Wieder ein angezogener Mann, im mittleren Alter und eindrucksvollem Schnurrbart. Mit einer eindeutigen Geste gibt er mir zu verstehen, dass er meine Brüste sehen will. Dann wieder eine Reihe Penisse. Ein offensichtlich schwules Pärchen beim Sex. Noch mehr nackte Menschen. Ein Penis und einiges an Körperflüssigkeit. Nach einer halben Stunde habe ich bereits mehr Penisse gesehen, als ich jemals vorhatte zu sehen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ich eigentlich nie unbedingt fremden Männern beim Masturbieren zuschauen wollte.

 

Früher war ja alles anders, oder?

 

Irgendwann reicht es mir dann auch damit. Waren früher wirklich auch nur creepy Perverse auf diesen Plattformen unterwegs? Klar, wie gesagt, einige Penisse wurden einem auch damals schon entgegengestreckt, aber ich kann mich auch an einige lustige Gespräche mit irgendwelchen Leuten erinnern. Jetzt scheint sich wirklich niemand mehr unterhalten zu wollen. Zumindest Chatspin scheint davon auch gar nicht ernsthaft auszugehen. Nach einigen Klicks erscheint nämlich anstatt einer neuen Person immer Werbung: Für Pornoseiten und sexy Live-Chats mit Girls in deiner Nähe. Naja, vielleicht haben die dann auch mehr Lust als ich, sich ein paar nackte Penisse anzusehen.

 

Folge ZEITjUNG auf FacebookTwitter und Instagram!

Titelbild: Giorgio Trentinella/Flickr unter CC by-sa 2.0 Lizenz

 

 

Kommentare

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren