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Fürs Erste Krebs: Episode #10

Mitte 20, mitten im Leben – und dann die Diagnose Krebs. Sebastian Schramm erzählt in seiner Kolumne von Erlebnissen, Gedanken und Anekdoten über seine Zeit mit einer Krankheit, die in Deutschland jährlich eine Großstadt auslöscht.

Nur fünf Buchstaben. Sie reichen aus, um ein Leben für immer zu verändern. Was aber, wenn das Leben noch gar nicht richtig begonnen hat? Sebastian Schramm ist 26 Jahre alt – und leidet an Krebs. Von nun an teilt er auf ZEITjUNG seine Gedanken, Erlebnisse und Anekdoten über die Zeit mit einer Krankheit, die in Deutschland jährlich eine Großstadt auslöscht.  Teil 12 , 3, 456 7 , 8  und 9 findet ihr hier.

 

Heute: Teil 10 – Ein neues Ich?

Sie wollte mich nicht verletzen. Es war nur ein Gedanke, den sie laut dachte. Für was der Krebs wohl gut sei, fragte meine Mutter in den Raum, ein paar Wochen nach der Diagnose. Ohne Adressat, sie sagte nicht meinen Namen; beiläufig, aus dem Nichts. „Vielleicht war es ein Zeichen, dass Du etwas ändern solltest.“ Ich winkte ab. Das sei Quatsch, vielleicht Schicksal, wenn es denn sowas überhaupt gäbe, sagte ich ihr. „Aber doch keine Bestrafung oder ein Hinweis!“

Wahrscheinlich war meine Antwort, die fast schon trotzigen Widerworte, nur ein Selbstschutz. Oft erschlägt es mich. Wuchtig und ohne Vorwarnung: Warum? Warum bin ich an Krebs erkrankt? Eine Antwort kann ich nicht geben. Niemand kann sie geben. Vielleicht sollte ich aufhören, die Frage zu stellen. Es raubt Energie. Oder lässt mich zu jemandem werden, der ich nicht sein möchte. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich andere verurteile, alleine nur, weil sie rauchen, keinen Sport machen oder nicht auf ihre Ernährung achten. Aber ausgerechnet ich muss mich mit Krebs herumplagen; Ich, der Sport treibt, seitdem er vier Jahre ist, nicht qualmt, kein Übergewicht hat, sich dazu für einen guten Menschen hält? Nach ein paar Minuten habe ich mich meist beruhigt. Sie tragen keine Schuld. Sie leben nur die Arroganz der Gesunden. Frei von Sorgen und Nöten, auf der sicheren Seite. Das Motto: Die schlimmen Dinge passieren den anderen. Ich weiß noch, wie das ist.

 

Ich, der Egoist

 

Die Worte meiner Mutter hallten nur noch aus der Ferne, als ich entsetzt auf mein Handy starrte. Ich schrieb mit meiner Ex-Freundin Josephine, nach ein paar Jahren Stille hatte die Krankheit wieder einen Kontakt zwischen uns hergestellt. Sie fragte, ob mich der Krebs mit all seinen Facetten zu einem neuen, einem besseren Menschen machte, ich sei ja ein ziemlicher Ich-Typ gewesen. Eine Antwort fiel mir nicht ein. Ich wusste es schlichtweg nicht. Zudem der Hochmut, was sie von mir wollte: Ich musste mich nicht ändern! Ich kam noch immer irgendwie zurecht; intelligent, gut aussehend und beliebt. Aber es ging um mich, meine Art und wie mich andere sahen. Der Egoist hakt nach, wenn seine Außendarstellung Thema ist. Was meinte sie mit Ich-Mensch? Die Antwort: Ich mache immer nur so, wie es mir passt, schrieb sie, ich frage nicht danach, wie es woanders aussieht. Immer nur das eine Wort, das über allem zu stehen scheint: Ich. Ihr gegenüber reagierte ich gelassen, antwortete, das sei wohl normal, der bedauerliche Nachteil eines Einzelkindes. Innerlich aber traf sie mich, mit nur zwei Sätzen.

War ich ein schlechter Mensch? Jemand, der nie nach links oder rechts schaute, zu jedem Zeitpunkt auf sich bedacht, immer zuerst auf der Suche nach dem eigenen Glück, ohne Empathie für meine Umgebung? Ich schrieb Suse und schickte ihr die Nachricht von Josephine. Kaum jemand kannte mich besser als sie. War ich wirklich so ein Ich-Mensch? Suse brauchte eine Nacht, um mir zu antworten. Das Warten zerriss mich. Ein „Nein“ hätte sie schnell tippen können. Nicht aber eine Erklärung; mit Bedacht gewählte Worte, die Wahrheit verpackt für einen Freund, im Bewusstsein, das Gegenüber zu verletzen, aber eben einfach die Ehrlichkeit, weil ich sie gefordert hatte. Nach dem Aufstehen las ich ihre Nachricht. Es hätte eine Zeit gegeben, vor meiner Diagnose, da sei es extrem gewesen. Suse und Jan, ihr Freund, meine wichtigste Bezugsperson, sie wollten schon gar nicht mehr darauf eingehen. „Vielleicht fällt es Dir im Nachhinein auf. Da ging es schon ziemlich oft nur um Dich. Was bei uns los war…“

Da stand es. Der Beweis. Sogar gegenüber Menschen meines innersten Zirkels hatte ich mich daneben benommen. Alles brach über mir zusammen. Ich kasteite mich dafür. Ich redete mir ein, ich sei ein schlechter Mensch, vom Scheitel bis zur Sohle. Keine Rationalität mehr, eine verschobene Kausalität: Bin ich nicht makellos, bin ich nichts. Eine Bemerkung, nur die Beschreibung einer Facette meines Charakters warf mich völlig aus der Bahn, auch noch von einer Ex-Freundin, mit der ich Jahre nichts mehr zu tun gehabt hatte. Für Tage stieß sie mich in ein seelisches Loch. Als hätte ich alleine in einem Raum gesessen, abgedunkelt, kalt und karg.

 

Doch einen Sinn?

 

Es schmerzt, sich ungeschönt mit seinen Fehlern und Schwächen auseinander zu setzen. Der Trigger spielt dabei gar keine Rolle; ob nun die persönliche Erkenntnis, ehrliche Worte von Freunden oder eine Krankheit, die das eigene Leben bedroht. Womöglich lag meine Mutter richtig. Dass der Frage nach dem Sinn etwas Reinigendes innewohnt. Egal wie abstrus oder esoterisch: Ich sollte mich dieser Vorstellung immer wieder hingeben, um dem Krebs etwas Positives abzugewinnen. In den letzten Zügen der Behandlung sagte mein Onkologe in einem Vieraugengespräch zu mir: Sieh‘ die Zeit mit dem Krebs als einen Schuss vor den Bug, eine Art letzte Warnung. Es sei an mir, etwas daraus zu machen. Ich brachte kein Wort hervor, lächelte milde und verschmitzt, als er mir seine Botschaft mit auf den Weg gab. Ich hatte sie schon erfahren. Nicht nur von meiner Mutter, von meinen Freunden, sondern vor allem von mir selbst. Der Abgrund, in den ich hineinblickte, die Angst, die mich immer wieder lähmte, die es noch immer tut, die viele Zeit zum Nachdenken: Ich beschäftigte mich mit mir selbst. Wohin ich will mit diesem Leben. Was für ein Mensch ich sein möchte. Für welche Werte ich zukünftig einstehe. Was ich verändern will.

Mein Leben muss nicht perfekt sein. Nicht immer in Richtung Maximum, sondern auch mal Status quo. Ziele werde ich verfehlen, permanent glücklich zu sein ist ein naiver, nicht erfüllbarer Wunsch. Vielleicht werde ich nicht einmal alt und alle Träume und Sehnsüchte, die ich mir für meine Zukunft ausmale, sind nichts als Luftschlösser. Aber wer kann das schon beantworten? Ich möchte die einfachen Dinge genießen, dankbar für sie sein. Demut soll mich nie wieder verlassen. Schon ein Kaffee oder ein Essen mit geliebten Personen sind Schätze. Man muss sie nur als solche betrachten. Gelassenheit im Alltag, eine innere Ruhe. Warum Energie verschwenden, weil etwas einmal nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle? Ein Fehler auf der Arbeit oder eine Niederlage meines liebsten Klubs: im Vergleich nicht wirklich schlimm. Das schreibt sich so unsäglich einfach und klingt ein bisschen nach diesen pseudo-philosophischen Sprüchen, die jeden Tag meine Facebook-Timeline überschwemmen. Und ich kenne es selbst: Wie schnell fällt man trotz aller Vorsätze in alte Muster zurück? Der Fehler, der mich nicht loslässt. Die Niederlage, die mich ankotzt. Eine Einordung fällt schwer: Habe ich nichts gelernt oder ist die Oberflächlichkeit ein Zeichen dafür, wieder zurück zu sein im Leben? Nicht mehr Krebs und Chemotherapie, sondern ein schöner Haufen alltäglicher Sorgen. Die Wiederkehr zur Arroganz und Ignoranz der Gesunden.

 

159:Freedom.

 

Der für mich aber wichtigste Auftrag: Ich möchte nicht weiter ein Egoist sein. Jedenfalls nicht die negative Version; der nur von sich spricht, obwohl das Gegenüber etwas auf dem Herzen hat. Der den Problemen der Familie und Freunde weniger Wert zugesteht als den eigenen. Es ist kein Verbrechen, an sich zu denken, Entscheidungen zu treffen, die in erster Linie das eigene Empfinden befriedigen. Jeder darf, jeder sollte, jeder muss Individuum sein. Aber ich möchte, dass sich die für mich wichtigsten Personen auf mich verlassen können. Sie müssen es nicht einfordern. Ich erwarte es von mir selbst. In den Zeiten mit und nach dem Krebs lässt es mich nicht mehr los. In mir ist das Verlangen zu helfen: aus Überzeugung und tiefer Dankbarkeit. Eine Überkompensation? Ich will für sie da sein, so wie sie für mich da waren, als ich mit der Krankheit kämpfte. Aber das funktioniert nicht. Nicht immer ist es Krebs. Zum Glück. Manchmal ist es nur ein schlechter Tag.

In ein paar Wochen lasse ich mir ein Tattoo stechen. Ein kleines, schlicht an meinem rechten Unterarm: 159:Freedom. Die Zahl der Tage, die es brauchte, um die Krankheit zu besiegen. Und der Titel eines Songs, den ich während der Zeit immer wieder hörte.

Life hasn’t been very kind to me lately, but I suppose it’s a push for moving on,

in time the sun’s gonna shine on me nicely, one day yeah,

something tells me good things are coming and I ain’t gonna not believe.

Ich hatte nie vor, ein Tattoo auf meiner Haut zu tragen. Es soll mich erinnern. Nur ein Blick. Und der eine Fehler, die eine Niederlage sind nur noch halb so schlimm.

Hier findest du alle „Fürs Erste Krebs“-Episoden von Sebastian Schramm.

Die Diagnose Krebs ist immer schlimm. Aber gerade jungen Menschen wird oft der Boden unter den Füßen weggerrissen, wenn ihnen die Krankheit in ihre Lebensplanung hineinpfuscht. Deshalb gibt es seit 2014 die Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs. Ihr Ziel ist es, die Therapiemöglichkeiten und die Versorgungssituation zu verbessern und Erkrankten mit Gesprächen und Austausch zur Seite zu stehen. Die Facebook-Seite der Stiftung findet ihr hier.

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