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Fürs Erste Krebs: Episode #12

Mitte 20, mitten im Leben – und dann die Diagnose Krebs. Sebastian Schramm erzählt in seiner Kolumne von Erlebnissen, Gedanken und Anekdoten über seine Zeit mit einer Krankheit, die in Deutschland jährlich eine Großstadt auslöscht.

Nur fünf Buchstaben. Sie reichen aus, um ein Leben für immer zu verändern. Was aber, wenn das Leben noch gar nicht richtig begonnen hat? Sebastian Schramm ist 26 Jahre alt – und leidet an Krebs. Von nun an teilt er auf ZEITjUNG seine Gedanken, Erlebnisse und Anekdoten über die Zeit mit einer Krankheit, die in Deutschland jährlich eine Großstadt auslöscht.  Teil 12 , 3, 456 7 , 8 , 9 , 10  und 11 findet ihr hier.

Heute: Folge 12: Den Krebs begrabe ich in Lissabon

 

Es klang wie Abschied. Eine Aufforderung, von der ich dachte, sie bekämen nur Menschen, deren Ende bereits geschrieben ist. Was ich noch für Wünsche hätte, fragte mich Suse, die erste von sechs Chemotherapien war bereits durch meinen Körper gelaufen. Sie meinte die kleinen Dinge, fest davon überzeugt, die 90 Prozent Überlebenschance seien nicht nur eine bloße Ziffer, sondern ein Versprechen. Ein Grillabend mit Freunden, eine Fahrradtour, ein Ausflug nach Rostock oder einfach ein Spaziergang. Tage, Stunden, vielleicht nur Minuten, die mich vom Diktat des Krebs‘ befreien sollten. Ich antwortete ihr, ein schönes Grillen auf Rügen am Strand, das fände ich toll. Ihre Frage aber hallte nach, auch als die Antwort längst geschrieben war. Sie ging weiter als die Ideen, die Suse im Kopf hatte. Denn was waren sie, meine Wünsche und Träume? In Zeiten einer ernsten Bedrohung des eigenen Lebens existiert nur einer: wieder gesund zu werden. Doch was kommt dann? Spielerisch leicht teilt der Krebs das Leben der Betroffenen in zwei Hälften. Für immer werden sie damit leben müssen: der eigene Zeitstrahl, versehen mit einer Kerbe; der tiefe Einschnitt, keine Stetigkeit mehr, dafür ein Davor und ein Danach. Die Kerbe bringt Schmerz. Die Gewissheit, dass vieles nicht mehr so sein wird, wie es einmal war. Am schwersten wiegt wohl die latente Angst vor der Rückkehr des Feindes, die einen nicht mehr loslässt. Aber die Furcht ist nicht alleine. Sie ist verwoben mit Dankbarkeit. Denn erst das Gefühl der Angst und der damit verbundene Rückblick auf die Niederlage erweitern das Bewusstsein. Das gedankliche Mahnmal. Die Erinnerung daran, gewonnen zu haben, noch immer da zu sein. Und eine vorher nicht gekannte Demut, die den Blick auf Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit verändert.

 

Der Traum wird zum Albtraum

 

Es war im Sommer 2015. Mit meiner Familie flog ich Ende August nach Lissabon, der erste gemeinsame Urlaub nach zehn Jahren. Eine Woche später sollte ich meinen ersten Job antreten, bei der Schweriner Volkszeitung als Volontär und Master-Student. Eine Arbeitsstelle, von der ich immer geträumt hatte. Der wohl entscheidende Schritt in Richtung meines Ziels, irgendwann mit dem Schreiben Geld zu verdienen. Ich hätte mich freuen sollen. Eine Belohnung für das Ende meines Bachelor-Studiums. Eine letzte Auszeit vor dem Beginn des nächsten Kapitels. Das einzige aber, was ich schaffte, war zu versinken in eine Mischung aus Selbstmitleid, Verunsicherung und der Angst vor dem Unbekannten. Leicht ist es nie: einen Lebensabschnitt beenden, auch noch einen, von dem man später sagen könnte: Das war die vielleicht schönste Zeit. Vor allem, wenn die Reise ein Stück weit ins Ungewisse geht; mein Weg nach Schwerin, ohne Freunde und Bekannte in eine Stadt ohne Universität oder Fachhochschule. Mit der Unterschrift unter den Arbeitsvertrag war mein soziales Umfeld in Rostock aufgekündigt. Es fühlte sich in jedem Fall so an. Aber ist das nicht das Leben? Gerüste und Strukturen immer wieder neu aufzubauen, sie gar bewusst zum Einsturz zu bringen, um sie woanders wieder aufzubauen? Immer einen Schritt weiter, weil Stillstand eben nicht notwendigerweise Glücklich- und Zufriedensein ist, sondern vielmehr das Verharren in der Komfortzone? Der ständige Drang, sich selbst zu optimieren, nie zufrieden zu sein – nicht mit dem Großen und nicht mit dem Kleinen. Aber in mir war keine Rationalität mehr. Ich ertränkte mich selbst. Gefangen im Paradies.

Morgens, manchmal schon um sieben, ging ich laufen, quer durch Lissabon, eine Stunde lang. Die giftigen Hügel zwischen den engen Gassen hoch und wieder herunter, die Beine brannten, T-Shirt und Hose klebten an meiner Haut. Zurück im Apartment, wenn eigentlich das wohlige Gefühl der Erschöpfung einsetzen sollte, erdrückte es mich noch mehr. Ich war nur vor meinen Problemen weggelaufen. Nachmittags zog ich alleine durch die Straßen Lissabons, weg von meiner Familie, ging vorbei an den prächtigen Gebäuden, den wunderschönen Plätzen, überall Menschen, die glücklich waren. Sie schienen sich gegen mich zu verschwören. Mit jedem Lächeln auf ihrem Gesicht, mit jedem anregenden Gespräch, das sie führten. Es schmerzte, sie so zu sehen. Warum konnten sie ein schönes Leben führen, nur ich, warum konnte ich es nicht?

 

Kaffee am Tejo

 

Unten am Hafen, wo sich Tejo und Atlantik vermischen, saß ich in einem kleinen Café. Die Sonne brannte, das Licht golden, ein paar Meter neben mir spielten lokale Künstler alte Stücke. Ich rührte in meinem doppelten Espresso. Am Ende sollten es drei gewesen sein. Immer, wenn ich nicht weiter weiß, trinke ich eine Tasse. Dieses Mal half keine von ihnen. Innerlich beleidigte ich mich selbst: Was für ein Idiot ich sei. Wie ich überhaupt auf die Idee käme, nach Schwerin zu gehen. Warum ich freiwillig Rostock verließe, weg aus dem sichereren Kokon. Dass ich sozial verkümmern würde. Dass ich ohnmächtig sei. Dass in diesem Moment nichts schlimmer sein könne, als das, was ich fühle und was ich denke. Dass mein Leben schlecht sei. Dass es bei allen anderen immer gut liefe, nur bei mir nicht.

Mein Kopf explodierte. Es hörte nicht mehr auf, ließ mich in den Tagen von Lissabon nicht mehr los. Kaum eine Stunde verging ohne Vorwürfe, ohne negative Gedanken. Ein Urlaub zum Vergessen. Heute schäme ich mich dafür. Es war der Krebs, der es mir offenbarte. Die Kerbe, das Davor und das Danach, die einen erst verstehen lassen. Der Rückblick auf die größte Niederlage, die das Bewusstsein erweitert. Das gedankliche Mahnmal. Und die Frage von Suse, was ich für Träume, was ich für Wünsche hätte. Ein paar Tage nach ihrer Nachricht wusste ich es. Ich wollte zurück nach Lissabon. Zurück in die Gassen, in denen ich vor mir selbst weggelaufen war. Zurück ans Ufer des Tejo, zu dem Café, in dem ich mich selbst abgestoßen hatte. Selbst wenn es nur für einen Augenblick ist, für einen Espresso. Der eine Augenblick als Beweis für mich selbst: Nicht immer ist alles ein Untergang. Man ist nicht automatisch alleine, wenn man niemanden kennt. Zu Träumen gehören Rückschläge. Dass es ein verdammtes Glück ist, mit einem Talent Geld zu verdienen, es zu studieren. Ich möchte mir selber verzeihen, mir beweisen, nach der Krankheit auf der besseren Seite des Lebens zu stehen. Die richtigen Prioritäten zu setzen, unterscheiden zu können zwischen Wichtig und Unwichtig. Ich erzählte meinen Freunden von dem Traum, erklärte ihnen, was damals war und was später sein soll. Sie hörten mir zu. Und sie nickten.

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