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Urlaub auf Keta: Wir ziehen Koks statt Konsequenzen

Hey, Gen-Y: Seit wann sind Koks, MDMA und Co. eigentlich das neue Feierabendbier? Über den Drogenkonsum einer Generation, der langsam ausufert.

Von Catharina Prott und Julia Niedermeier 

 

Wir sind von Glitzer bestreuten, umher steppenden, individuell gekleideten Menschen umgeben. Die Koordinaten der Party gab es nur über einen speziellen E-Mail-Verteiler, in welchen sonst nur die Crème de la  Crème der Individualität hereinkommt. Der „Secret Rave“ findet in einem abgelegenen Wald am Stadtrand statt und ist alles andere als legal. Menschen in Einhorn-Kostümen kreuzen den Pfad und ein Zauberer verstreut das weiße Pulver. Die Drinks gibt es zu erschwinglichen Preisen, denn auf dieser Party steht endlich mal nicht der Profit im Vordergrund. Alles was zählt, ist der Spaß, die Gemeinschaft und die Begeisterung am Tanzen, Steppen oder Shuffeln zu ausgewählten Electro-Beats. Wir werden direkt hineingezogen in den Bann der vermeintlich heilen Welt voll Glitzer und Lampignons und sind geflasht. Von nun an ist alles andere Mainstream und für die billigen Klänge der Charts haben wir schlagartig nichts weiter als Verachtung übrig. Das kostümierte Einhorn galoppiert auf uns zu. Angeschwipst vom Gin Tonic, sprühen wir mal wieder förmlich vor Begeisterung und nehmen die reizenden Kristalle in dem durchsichtigen Tütchen als Feenstaub wahr: „Du darfst auch mal dippen“, ertönt es von unserem Gegenüber. Wir sind skeptisch, drehen uns um und sehen, dass die eigenen Freunde bereits alle Hüllen und Ängste fallen gelassen haben. Sie dippen – ab jetzt jeden Tag.

 

Der Klügere dippt nach

 

Willkommen in unserer Gesellschaft, Koks, Keta und Emma! Dass sämtliche Drogen auf den Festivals und ausgiebigen Clubnächten unserer Generation inzwischen fester Bestandteil der Fulltime-Happiness sind, ist kein Geheimnis mehr. Mal kurz einen kleinen Zwischenstopp in Berlin eingelegt, den Görli aufgesucht und die perfekte Portion Glück für das anstehende Wochenende liegt in unseren Händen. Gibt’s nur in Berlin? Denkste. Was man meint, nur im „Dicken B“ zu finden, gibt es gleichermaßen in Köln, Hamburg und sogar im ach so cleanen München. Die Stars jeder Nacht sind weißes Pulver, grünes Kraut und bunte Pillchen mit magischer Wirkung. Es überrascht uns inzwischen schon gar nicht mehr, wenn die Freunde am Freitag Abend noch schnell den nächsten Dealer aufsuchen und erst danach ausgiebig feiern können. Seltsamerweise verblüfft es uns nicht einmal mehr, wenn der Dealer aus Langeweile schon an einem Dienstag besucht wird, um sich den Abend zuhause mit Emma und Co etwas amüsanter zu machen. Das Wochenende findet seinen Ausklang nun nicht mehr in einem kühlen Bier und einer Zigarette, sondern in MDMA und LSD. Wir wollen unser Leben ja so spektakulär wie möglich gestalten, frei nach unserem YOLO-Lebensmotto. Und wenn dann doch mal alles drauf und drüber geht, dippt der Klügere einfach nach, aber Moment mal: Wann sind die Drogen eigentlich zu solch alltäglichen Begleitern geworden?

 

Du siehst durchaus durch aus

 

Das grüne Tütchen ist inzwischen Standard und wird zum völlig normalen Downer vor dem Schlafen gehen, aber was ist schon dabei? Oma nimmt ja schließlich auch jeden Abend Baldrian und bei dem ganzen synthetischen Material kommt so ein bisschen Natürlichkeit doch immer gut. Aber was passiert, wenn man so ganz und gar nicht auf den neuen Drogen-Zug des Freundeskreises aufspringen will? –  Man wird zum ungewollten Spießer in der großen Druffi-Menge mit Pupillen, die Tellern gleichen. Unter all den heranwachsenden Teilzeit-Junkies fühlt man sich schließlich fast schon oldschool, wenn man für eine gelungene Feierei nur ein wenig Alkohol, Freunde und etwas abwechslungsreiche Musik braucht. Die ersten Male drogenabstinent auf einer Techno-Orgie wirken noch völlig beeindruckend, doch nach längerem, exzessiven Gesteppe wacht man auf aus dieser seltsamen Welt und fängt langsam an zu begreifen: Die Drogen sind inzwischen nicht mehr nur noch Bestandteil jeder Party, sondern auch jedes gemütlichen Abends unter Freunden geworden. Emma, Koks und Keta sind die neuen Freundesfreunde und dienen selbstverständlich nur dem Spaß. Man ist ja nur einmal jung und die Kochabende und Fußballspiele sind im Rausch natürlich viel lustiger, also keine Sorge! „Später sind wir froh, diese Lebenserfahrung gemacht zu haben“ , wird zur permanenten Rechtfertigungsparole der Konsumierenden. Wochenenden werden durchgetanzt und vor Sonntag Nachmittag ist kein Ende der Afterhour in Sicht. Geschlafen wird nicht und wer doch kurz in ein Müdigkeitsloch fällt, zieht sich eine Line nach und stampft fröhlich weiter. Wird man also, nur weil man ein paar Stunden natürlichen Schlaf einfordert, automatisch zum Spielverderber oder gar zum Spießer? Bisher noch nicht, doch man wird zwangsläufig zum Moralapostel. Ungewollt mutiert man zur zeigefingerhebenden-Mutti im Freundeskreis und versucht vergeblich, den anderen die Augen zu öffnen – im wahrsten Sinne des Wortes. Mensch Kinnas, ihr seht echt durch aus!

 

Manche Menschen ziehen Koks, andere ziehen Konsequenzen

 

Hat unsere Generation nun eigentlich ein gehöriges Drogenproblem oder sind Koks, Keta und Emma einfach das neue Feierabendbier oder die Zigarette nach dem Sex? Der europäische Drogenbericht 2016 beweist, dass MDMA nach wie vor die beliebteste Droge unter Jugendlichen ist, Tendenz steigend. Die Tatsache, dass jeder vierte Europäer bereits illegale Drogen ausprobiert hat, ist in unserer „Drogen-Verharmlosungs-Generation“ wenig verwunderlich. Experten zeigen allerdings, dass es keine Gründe gibt all das zu verharmlosen. Sie warnen vor dem vermeintlich lustigen Comeback von Ecstasy, denn die Folgen der chemischen Drogen sind nur schwer kalkulierbar. „Beim Konsum der neuen Suchtmittel ist man immer Versuchskaninchen“ betont Frederik Kronthaler, Geschäftsführer „Angebote für Jugendliche und Erwachsene“ der Condrobs-Beratungsstelle. „Die Bandbreite von Nebenwirkungen ist immens und reicht von Wahnvorstellungen und Gewaltausbrüchen bis zu schweren Psychosen und sogar multiplen Organversagen. Langzeitforschungen sind aufgrund der meist unbekannten chemischen Mischung der Substanzen nicht absehbar.“

Was zeigt uns das mal wieder? Wir können teilweise berechtigt mit dem erhobenen Zeigefinger vor unseren Freunden stehen und ihnen versuchen klar zu machen, dass Drogen noch lange nicht zu unterschätzen sind. Sie werden trotzdem weiterhin die beliebtesten Party- und Festivalbegleiter bleiben. Aber wir sind noch lange keine Spielverderber, wenn wir uns nach einer Clubnacht abseilen, auf die Afterhour verzichten und zum gemütlichen Feierabendbier statt zur Pille danach greifen.

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