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Alles Gute zum Alltag: Die traurige Rückkehr nach langer Reise

Wenn man vom Reisen zurückkehrt, wird man oft von lähmender Leere befallen und schafft es nicht zurückzukehren. Dabei braucht es dafür nur ein wenig Mut.

Gerade noch hatte ich den salzigen Geschmack des Abenteuers auf den Lippen. Momente, die sich wie wenige Augenblicke anfühlen. Gerade eben stand ich noch am anderen Ende der Welt. Ich war mit Menschen zusammen, die ich gerade erst kennengelernt hatte, denen ich aber dennoch vertraute. Das Leben in Deutschland? Unfassbar weit weg. Wichtig? Nur der Moment. Ich spürte den Sand unter meinen Füßen, langsam abkühlend, und sah die sich verabschiedende Sonne auf das Meer zuwandern. Ich fühlte die Erhabenheit des Augenblicks und vor mir schwebte die Frage: Warum kann es nicht immer so sein?

 

Wie soll man nach der Zeit wieder im Alltag zurecht kommen?

 

Sprung weg von den Meeren dieser Welt, weg von Lagerfeuern am Strand, weg von all den Menschen, mit denen man kostbare Momente geteilt hatte und vielleicht sogar mehr. Sprung über tausende Kilometer, über kleine Inseln, über rauschende Wellen über die Grenzen Europas, hinein nach Deutschland, zurück in den Alltag.

Wohl jeder, der schon einmal eine längere Reise unternommen hat, kennt das Gefühl, zurückzukehren. Das Unwirkliche, das einen befällt, wenn man in seine Straße einbiegt, die Straßenlaternen sieht, an denen man schon so oft vorbei gegangen ist. Es fühlt sich vertraut an und gleichzeitig fremd – als wäre man ewig weggewesen und hätte in der Zwischenzeit ein anderes Leben gelebt. Als hätte man einen Bissen von dem gekostet, was wirklich zählt. Keine Rolle bei diesem Festmahl hatten die Rechnungen im Briefkasten gespielt. Oder die Wohnung, die einen gründlichen Putz vertragen könnte, und die Rückkehr ins Büro, in die Uni oder zum Praktikum.

 

Wozu das fortwährende Abrackern?

 

Klar, man freute sich auch auf seine Freunde, auf Barabende, auf Vertrautes. Aber war es dann dort draußen, in der weiten Welt, nicht auch vertraut gewesen mit all den Mitreisenden? Hatte es sich nicht schnell angefühlt wie eine große Familie? Genau diese Erkenntnis überfällt einen, zwischen dem K.o. des Jetlags und dem Durchspielen der magischsten Momente seiner Reise. Dass man am anderen Ende der Welt Menschen getroffen hatte, mit denen man sich so gut verstanden hat als wäre man seit Jahren befreundet. Und zwischen dem langsamen Dämmern draußen und einigen vorbeifahrenden Autos schiebt sich die Leere. Die Leere der Angekommenen, die sich fragen: Wozu das alles? Wozu arbeiten? Alltag, Probleme, Stress. Warum sich nicht immer so nah sein wie beim Reisen? Warum nicht immer erleben, anstatt bloß zu sein?

Es ist für viele wie ein Sprung in kaltes Wasser, die Rückkehr ins Grau des Alltags. Und während man am ersten Arbeitstag mit den Kollegen smalltalkt und von einer Reise erzählt, die zu verstehen unmöglich ist, wenn man nicht dabei war, denkt man sich in die Zukunft und ist gedanklich schon bei der nächsten Reise – beim nächsten Ausbruch ins Glück. Das Jetzt verschwimmt und man fühlt sich wie gefangen zwischen den Erinnerungen an den letzten Trip und den Hoffnungen, die man mit dem nächsten verbindet.

Dabei weiß man nur zu gut, dass Reisen ein Privileg ist. Und dass man sich glücklich schätzen kann, überhaupt diese Ausbrüche erleben zu dürfen und dabei so tief ins Leben anderer einzudringen – und gleichzeitig in das eigene. Man weiß, dass es eine naive Träumerei ist, wenn man sich vorstellt, alles hinter sich zu lassen und das Abenteuer zum einzig Wichtigen zu machen. Man weiß, dass das Reisen wahrscheinlich seine Magie verlieren würde, würde man nicht auch dunkle Tage erleben. Langeweile, Banales. Man weiß, dass der Alltag nicht so übel ist. Und dass es sowieso keinen Weg gibt, ihm zu entrinnen. Und dennoch ist es am Anfang hart, sich wieder zurechtzufinden in dieser Realität, die man sein Leben nennt. Es ist wie das Erwachen aus einem Traum. Man bleibt noch ein wenig liegen, die Augen geschlossen, und wandert die Konturen der bereits verblassenden Erinnerungen ab. Schließlich öffnet man sie. Und muss wieder ankommen.

 

Ein bisschen mehr in sich gehen

 

Dass viele dabei einen Fehler in ihrer Sichtweise haben, ist ihnen nicht bewusst. Denn man verklärt das Erlebte in fernen Ländern zum Ideal, dessen Wiederholung es anzustreben gilt. Man vergisst das Heimweh, die schwierigen Momente, das Wäschewaschen, die Lebensmittelvergiftung, die Einsamkeit, kurz: die Stunden, die von den schönen Momenten überlagert werden, die aber dennoch da waren. Und gleichzeitig beginnt man, seinen Alltag als einen goldenen Käfig zu begreifen. Das Gefängnis der Generation, der alle Türen offen stehen. Man begreift das Meer an Optionen als Fessel. Denn woher weiß man schon, was man wirklich will? Woher weiß man, wie man beginnen soll? Und mit was?

Und genau hier sollte man ansetzen. Denn ist nicht auch jede Reise ein Aufbruch ins Unbekannte? Ist es nicht so, dass man während der Flieger aufsteigt und unter einem seine Heimat langsam kleiner wird, bis man ganze Städte nurmehr stecknadelgroß erkennen kann, neben der Vorfreude auch ein wenig Angst spürt? Da ist dieser kleine Kloß im Hals, weil man unbekanntes Terrain betritt. Weil man niemanden kennen wird und nicht weiß, was auf einen zukommt.

Und genau die gleichzeitige Schönheit und Traurigkeit dieses Moments sollte man sich viel öfter ins Gedächtnis rufen. Man sollte das Leben jeden Tag als eine Reise begreifen. Neue Jobs als Chance sehen. Neues mit offenen Armen begrüßen und den Kloß im Hals als Begleiterscheinung von etwas Aufregendem betrachten. Man sollte wie beim Reisen Bauchentscheidungen treffen, egal, was Freunde, Eltern oder Bekannte sagen. Man sollte sich ein wenig mehr auf sich selbst verlassen. Egal ob in der Liebe, im Job oder bei der Wochenendplanung. Man sollte viel mehr man selbst sein und in sich hinein horchen. Denn dazu braucht es kein Meer, kein Lagerfeuer, keinen stundenlangen Flug.

 

Es braucht nur etwas Mut

 

Und wenn das Grau des Alltags, die Rechnungen, der Stress einen trotzdem einschnürt, sollte man sich ins Auto setzen. Mit guten Freunden und ein paar Flaschen Wein. Und dann sollte man losfahren. Denn schon nach wenigen Kilometern hat man seine eigene kleine Welt verlassen. Sicher, ein Schritt, der nicht vergleichbar ist mit dem Bereisen anderer Kontinente. Aber dennoch wird man es spüren, bereits auf dem Zubringer der Autobahn. Man wird das Knirschen des Autoreifen auf dem Asphalt hören, die Wolken wie stille Beobachter vorbeiwandern sehen und diese Lust auf Neues, Unbekanntes wird ganz langsam den eigenen Körper empor kriechen.

Und man kann das Realitätsproblem noch einfacher durchbrechen. Dazu kann man etwa in eine unbekannte Bar gehen, sich umsehen und eine Gruppe von lärmenden Menschen ansprechen. Klar, dazu braucht es Mut, aber auch das ist eine Begleiterscheinung des Reisens: dass man in der Ferne mutig ist, offen, Menschen anspricht und zuhause plötzlich die Angst vor dem dominiert, was andere denken und was einen alles vom Glücklichsein abhält. Dabei wäre es auch an dem Ort, den man in- und auswendig zu kennen scheint, so einfach, Unbekanntes zu entdecken.

Dazu muss man nur aufstehen, die Augen aufmachen und sich nicht verrückt von den Dingen machen lassen, die nicht gut laufen. Man muss nur da rausgehen, in diese Welt. Und seine Arme ausbreiten. Und plötzlich wird man auch in der Realität gepackt von diesen Momenten, wegen der man reist. Das Einzige, das es dafür braucht, ist ein wenig Mut und das Überwinden der engen Sichtweise, in die man automatisch zurückkehrt, wenn man die Wellen und Strände hinter sich gelassen hat und wehmütig die Tür seines Zuhauses aufsperrt.

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