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Eine Liebeserklärung an: Das Jammern

Ob gut oder schlecht gelaunt, glücklich oder am Boden zerstört – jammern geht immer. Das findet zumindest unsere Autorin und hat sich nun offen zu ihrer Liebe bekannt.

Es sind die kleinen Dinge, die uns unseren tristen Alltag versüßen und das Leben ein bisschen besser machen. Ob es hübsche Gänseblümchen sind, die am Straßenrand wachsen oder eine Kugel deiner liebsten Eissorte – wir alle haben kleine Muntermacher in unserem Alltag, über die wir nur selten ein Wort verlieren. Das soll sich jetzt ändern! Wir bieten euch eine Liebeserklärung an die kleinen Dinge, die uns in stressigen Situationen retten, an schleppenden Tagen motivieren oder uns die guten Tage versüßen!

Eine Liebeserklärung von Sara Müller

 

Liebes Jammern,

seit einer halben Stunde sitze ich schon vor dem leeren Blatt Papier und versuche meine Liebe zu dir auszudrücken. Doch mein Kopf will nicht denken, meine Hände nicht schreiben und überhaupt funktioniert gerade gar nichts. Der Blick aus dem Fenster zeigt typisch deutsches Frühlingswetter. Alles ist grau, immer mal wieder beginnt es für kurze Zeit zu regnen und der Wind schlägt den Leuten draußen auf der Straße mit eisiger Hand ins Gesicht. Wenn ich Instagram öffne, um ein wenig zu prokrastinieren, erscheinen nur Bilder von perfekten Menschen, die zufrieden in die Kamera grinsen, während sie es sich an einem Traumstrand in der Sonne bequem machen und bunte Cocktails schlürfen. Och menno, und ich sitze im kalten Deutschland fest, wurde morgens viel zu früh durch die Müllabfuhr geweckt und konnte dank unfassbar lautem Vogelgezwitscher nicht mehr einschlafen. Ich gähne lang und ausgiebig und knabbere weiter an meinem Käsebrot. Das Leben ist einfach nicht fair.

 

 

Egal, ob ich gut oder schlecht gelaunt bin, glücklich oder am Boden zerstört – jammern geht immer und in jeder Lebenslage. Wir jammern über unseren Job, die Beziehung, die Familie, über das Wetter, unseren Kontostand und unser Studium. Und gerade wir Studenten schaffen dies auf einer regelmäßigen Basis. Bei einem Bier in der Uni-Cafeteria jammern wir gegenseitig um die Wette. Aussagen wie „Ich muss noch über 40 Seiten schreiben und für eine Prüfung lernen“ werden nicht etwa mit Mitleid erwidert, oh nein. Die logische Reaktion ist stattdessen die Aufzählung aller Dinge, die man selbst noch zu erledigen hat: „Das ist gar nichts, ich muss noch drei Hausarbeiten abgeben!“ Wir streiten uns darüber, wer den niedrigeren Kontostand hat und wem Nudeln mit Pesto am meisten zum Hals heraushängen.

 

Alles Gute zum Alltag!

 

Liebes Jammern, man muss kein Student sein, um deine Vorteile genießen zu können. In jedermanns Alltag gibt es Momente, über die man sich so richtig schön von Herzen beklagen kann. Der Supermarkt um die Ecke hat deinen Lieblingsjoghurt aus dem Sortiment genommen, oder du stehst an der kürzesten Kassenschlange an und es dauert dank der Omi vor dir, die ihre 20€ Rechnung ausschließlich mit 10 Cent Stücken bezahlt, trotzdem am längsten. In solchen Situationen jammern wir häufig leise oder lautlos in uns hinein. Wir streicheln uns selbst über den Kopf und sagen uns, dass alles wieder gut wird. Irgendwie hilft das, auch wenn es absolut nichts an unserer Lage verändert. Aber wir fühlen uns dennoch etwas erleichtert und weniger deprimiert danach.

 

 

Wenn wir jammern, wollen wir unseren Mitmenschen klar machen wie schlecht wir es doch haben, auch wenn das überhaupt nicht zutrifft. Oft sind Freunde und Bekannte schnell genervt. Aber letzendlich wollen wir alle einfach nur verstanden werden und vielleicht noch etwas Mitleid abgreifen, wenn wir grade dabei sind. Das Jammern ist hierbei nur ein Mittel zum Zweck. Es ist ein Werkzeug, eine Art Aufforderung an unsere Mitmenschen uns aufzumuntern. Natürlich sterben wir nicht durch die Folgen unserer schweren Leben, aber manchmal fühlt es sich für uns eben ähnlich an. An solch schlechten Tagen können liebe Worte mindestens genau so wohltuend sein wie eine heiße Schokolade mit einem kräftigen Schuss Baileys. Sie wärmen dich von innen heraus und wirken noch Stunden später. Jeder muss mal aufgeheitert werden und die meisten Jammerer wollen eigentlich nur eines: Verständnis. Und vielleicht noch eine Umarmung.

 

Schon die Griechen jammerten viel und gerne

 

Das Klagen über Kleinigkeiten, wie ein verpasster Bus oder ein schreiendes Kind im Zug, ist aber auch kein neumodisches Phänomen. Schon in der griechischen Mythologie finden sich viele Anhänger der Jammerei. Abgesehen von dem Fluss des Wehklagens Kokytos, der durch die Unterwelt fließt, jammert beispielsweise auch der schöne Gott Narziss über seine unerfüllbare Liebe zum seinem eigenen Spiegelbild. Seitdem hat sich wenig verändert. Wir weinen Vergangenem hinterher, beschweren uns über die Gegenwart und jammern, weil die Zukunft nicht besser aussieht. Doch wenn wir ehrlich sind, beschweren wir uns in 99% der Fälle auf sehr hohem Niveau. Meistens können wir jedoch über unsere First World Problems hinwegsehen und den Tag genießen.

Ich reiße also die Fenster auf und lausche dem Gesang der Vögel, die mich morgens noch um den Verstand gebracht haben. „Ist doch ganz schön eigentlich“, denke ich, als ich mich aus dem Fenster lehne. Direkt darauf scheißt mir ein Vogel direkt auf die Schulter – Na toll…

 

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