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Das Sheldon-Syndrom: Von der Unfähigkeit, anderen Menschen Trost zu spenden

Eure Freunde heulen und ein einfacher Schulterklopfer ist alles, was ihr hinbekommt? Keine Sorge, ihr seid damit nicht allein!

Dieser Text richtet sich an alle so betitelten „eiskalten Herzen“, die es in den dunkelsten und traurigsten Zeiten ihrer Freunde einfach nicht schaffen, richtig Trost zu spenden.

 

Oma gestorben, Beziehung kaputt, Freundschaftskrise. Was diese Geschehnisse miteinander zu tun haben? Die Betroffenen werden gleich alle bei mir anrufen und vielleicht kommen sie sogar vorbei. Sie werden sich ausweinen, Trost suchen und bald merken, dass sie diesen gesuchten Trost bei mir nicht finden. Warum nicht? Weil ich auch einfach nur ein hilfloser Sheldon Cooper bin, der vom richtigen Trösten schlichtweg keine Ahnung hat.

 

Trost spenden ist hart, kompliziert und eigentlich kann man es nie richtig machen

 

Wir kennen doch alle diese Momente, in denen die besten Freunde oder Familienangehörige plötzlich in Tränen ausbrechen und lautstark vor sich hin schluchzen. Es gibt viele Ereignisse, die bei Menschen ungeahnte, teilweise (un-)verständliche Gefühlsausbrüche hervorrufen können. Manchmal ist es der Trennungsstrich, der Tod eines geliebten Wesens, der Männerschnupfen oder nur die Menstruation. Das Schlimme an diesen Momenten ist meistens der Überraschungseffekt, denn die Tränen kommen ohne eine wild aufblinkende, rote Signalleuchte und gänzlich ohne Vorwarnung. In diesen Situationen wird vom Gegenüber schließlich nur eins erwartet: Trost spenden. Diese zwei Worte klingen harmlos, ganz besonders einfach und sind in der Praxis genau das Gegenteil. Trost spenden ist hart, kompliziert und eigentlich kann man es nie richtig machen. Wer meint, dass man als Trostspender dem Weinenden mit Rat und Tat zur Seite stehen kann, der irrt gewaltig, denn als Trostspender ist man meist genauso hilf- und ratlos wie der Weinende selbst.

 

„Na, na…“

 

„Was würde Sheldon Cooper tun?“ lautet die Frage, die seit circa einer Stunde in meinem Kopf herumschwirrt. Seit einer gefühlten Ewigkeit sitzt meine beste Freundin in meiner Wohnung und weint sich lautstark die Augen aus dem Kopf. Alles was ich bisher vollbracht habe war, ihr die Jacke abzunehmen und sie schluchzen zu lassen. Ich weiß, dass ich sie trösten muss, aber ich weiß nicht wie. Ich fühle mich in meiner eigenen Wohnung nicht mehr sonderbar wohl und ich bin mal wieder gänzlich überfordert mit einer solchen Situation. Vermutlich sieht man es mir bereits an. Sie erzählt mir ihre Leidensgeschichte das x-te Mal und ich versuche die Tatsache zu überspielen, dass ich den Inhalt inzwischen auswendig aufsagen könnte. Währenddessen überlege ich mir meinen nächsten Zug. Soll ich sie in den Arm nehmen oder lieber nicht? Soll ich sie einfach reden lassen oder möchte sie gefragt werden? Würde sie es merken, wenn ich einfach gehe und erst wieder komme, wenn alles vorbei ist? Verdammt! Meine Gedanken spielen weiter ausgelassen Ping Pong.

 

Die Regeln einer Serienfigur

 

Sheldon würde vermutlich ein heißes Getränk servieren. Auf die Schnelle fällt mir nichts besseres ein, weshalb ich mich schließlich an die Regeln einer Serienfigur halte. Da ich mir den nächsten Schritt noch nicht annähernd überlegt habe, lasse ich mir mit der Zubereitung des Getränks ausgiebig Zeit. Hin und wieder nicke ich verständnisvoll, sobald meine Freundin mich fragend anblickt. Wieder ein Wirbelwind der Gedanken in meinem Kopf: Soll ich ihr einen Ratschlag geben? Erwartet sie, dass ich zwischen den Zeilen lese? Himmelherrgott! Den Rum, welchen ich kopfüber in die Tasse stülpe, beneide ich etwas. Ich würde gerne mit ihm tauschen, direkt in die Tiefen hinterher springen und erst wieder auftauchen, wenn meine Freundin die traurige Phase überstanden hat. Geht nicht, gibt’s nicht! Stattdessen gibt es ein heißes Getränk mit sehr viel Rum für uns beide und eventuell direkt noch einen zweiten hinterher. Ich warte erneut darauf, dass mich jemand aus dieser beklemmenden Situation befreit – selbst wenn es nur ein weiterer Schuss Rum ist. Nachdem ich meine anschließende Umarmung mit einem sanften Schulterklopfer und einem liebevollen „Na, na! Das wird schon wieder.“ beende, wird mir allerdings eines klar: Ich gehöre nun offiziell zu den Menschen, die in solchen Situationen die Serienfigur Sheldon Cooper um Rat fragen.

 

Von den Außenseitern der Sheldon-Clique

 

Selbstverständlich gibt es nicht nur die herzlosen Sheldons auf diesem Planeten. Es gibt immer noch genügend Menschen, die die Aufgabe des Tröstens sehr ernst nehmen und sie scheinbar perfekt ausüben. Die Gegenseite der hilflosen Sheldons meistert ihren Job wie ein Profi und scheint weinende Freunde immer zu verstehen, egal ob der Fingernagel abgebrochen oder das Meerschweinchen gestorben ist. Sie umarmen, bringen Schokoladeneis, Wein, die Familienpackung Taschentücher und Komödien mit. Danach umarmen sie nochmal und agieren bei dem gesamten Vorgang so, als ob sie das gesamte Drehbuch der Bridget Jones-Filme auswendig gelernt hätten, um auf solche Momente nahezu perfekt vorbereitet zu sein. Dabei geben sie ein glänzendes Bild ab und verstärken dieses mit Sätzen wie „Andere Mütter haben auch schöne Söhne“. Eigentlich gehören all diese Sätze verboten und verbannt. Trotzdem ist die Methode der Anti-Sheldons nach wie vor beliebter und besser angesehen. Das Trösten scheint wohl bereits in ihrem Naturell zu liegen. Sie haben all das, was wir nicht haben, denn sie haben Herz und Mitgefühl.

 

„Habt ihr denn gar kein Mitgefühl?“

 

Die scheinbar hilflosen Trostaktionen der Sheldon-Clique werden von der Außenwelt leider häufig missverstanden und völlig falsch gedeutet. So wird uns beispielsweise häufig nachgesagt, wir wären unterkühlt, hätten kein Herz, kein Gefühl und besonders kein Mitgefühl. Dies sollte sich allerdings als große Fehlinterpretation herausstellen. Wir setzen uns nicht neben unsere Freunde und heulen direkt mit, wenn sich nach einem alkoholreichen Abend ein theatralischer Gefühlsausbruch anbahnt. Wir nehmen sie nicht immer sofort in den Arm, decken sie zu und versorgen sie mit Wärmflasche und Snacks, wenn es mal hart auf hart kommt. Vielleicht, weil wir das offiziell anerkannte Trösten nie gelernt haben. Vielleicht, weil wir einfach mehr Realisten als reale Heuler sind und etwas außerhalb der rosaroten Seifenblase leben. Vielleicht aber auch, weil wir Mitgefühl von Mitleid unterscheiden können und wissen, dass man letzteres nur selten braucht. Nur weil wir andere Menschen nicht vor der Realität verschonen, bedeutet das noch lange nicht, dass wir unser Herz an der falschen Stelle tragen.

 

Wer hat eigentlich behauptet, dass Sheldon Cooper alles falsch macht?

 

Es gibt nicht die eine, richtige und perfekte Art andere Menschen zu trösten, aber es gibt somit auch keine falsche Methode. Eine gesunde Mischung aus Sheldons und ihren „Gegnern“ im Freundeskreis ist mit Sicherheit das, was einen am meisten aufbaut. Viele Menschen brauchen eine lange Umarmung, Schokoeis und Sätze aus dem Bridget Jones-Drehbuch, doch irgendwann ist die Konfrontation mit der Realität auch eine gelungene und besonders nötige Methode des Tröstens. Manchmal reicht tatsächlich ein einfacher Schulterklopfer, ein kurzes „Na, na“ und ein heißes Getränk, um einem traurigen Freund wieder auf die Beine zu helfen. Denn irgendwie braucht doch jeder einen ratlosen und realitätsnahen Sheldon neben sich.

 

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Titelbild: Chad Madden unter CC0 Lizenz

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